Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – Arbeitsbeginn 21:30 Uhr

Verschwörungstheorie theme

Touristisches Reiseziel mit 8 Buchstaben in Italien… Gardasee. Das wäre es jetzt, eine schöne Pizza Quattro Salami und ein gemütlicher Blick auf das Wasser. Stattdessen wieder eingesperrt hinter dem Tresen, 4 qm, mein Kreuzworträtsel und circa 188 Jacken werden auch heute wieder mit mir auf Tuchfühlung gehen, nein, nein, das ist nichts Erotisches, das meine ich wörtlich, denn wenn erst mal jemand sein Tuch vermisst, suche ich dann in den Jacken hängend einen glücklichen Ausweg für alle. Handys, Kondome, Beziehungen, Tagebücher, was ich schon alles wieder ans Clublicht beförderte. Heute würde es nicht einfach werden: Poetryslam und ein DJ aus Berlin. Ich vermute, die drei Typen, die mit mir vor der Tür gewartet haben und direkt zwei Mate und einen Fencheltee bestellten, waren die Poeten. Sie kannten sich, das war das mindeste, wenn man jedes Wochenende in irgendeiner Stadt 10 Minuten Text hat plus minus null. Bevor ich meiner Leidenschaft nachgehen konnte, direkt alle therapieren zu wollen mit Sätzen wie: „Sucht euch doch mal eine Freundin oder Freund“, fiel mir ein, das Klopapier musste noch aufgefüllt werden, denn die tschechische Putzfrau Anna weigerte sich, dies auch noch zu tun. Dimitri, ihr Mann, war Technikverantwortlicher und stellte immer lustige Fragen wie: „Ist der DJ versichert?“, „Wer hat Anlage geklaut?“, „War Typ mit weißen Pulver heut schon da?“. Oder eben: „Soll das etwa Anna machen?“. Im Gegensatz zu mir arbeitet Anna schwarz und für das Dreifache vom Lohn. Ich war vertieft, meine Bügel numerologisch zu ordnen und überlegte mir erneut ein System der ideellen Platznutzung um möglichst alles unter zu bekommen. Poetryslam, das ist ja die Zwiebelschicht der Clubszene. Schweiß machte sich unter meinen Armen bemerkbar. Oh, mein Gott, das werden wieder haufenweise Ärmelstopfer. Sie meinen es nicht böse, aber, bitte, wer hat ihnen beigebracht, alles in einen Ärmel zu stopfen? Schal, Geldbörse, Pullover, Handys, Laptops, kleine Katzen und Taschen? „Taschen kosten extra!“ „Wieso das denn?“ „Wieso das denn nicht, du Opfer?“ Merksatz Nummer 1: Freundlich bleiben. Ärmelstopfer machen mich jedoch wütend, sehr wütend und ich gebe zu, dass nicht alle dies nie mehr tun werden, weil ihnen jemand freundlich erklärt hat, wie scheiße es ist. An der Stelle entschuldige ich mich bei meinen hohlen Opfern der Vergangenheit, es ist eine Zwangshandlung sporadisch auszurasten, wenn jemand dies tut, gut, ja, ich gebe ihnen recht, ich hätte dann ja nicht unbedingt Garderobendame werden müssen, jedoch ist das Übel nur an der Wurzel zu ergreifen.

„Duuu…“, haucht mich einer der Mateclubdichter mit unverschämt gutsitzender Gesichtslocke an. „Sag mal, wann geht es denn heute los?“ „Ey, yo!“, will ich sagen, “Seh‘ ich aus wie Nostradamus und ist der Bügel eine Kristallkugel? Leider wird die Veranstaltung von drei Einhörnern in Regenbogencapes entführt und fällt wegen der vielen Kommas und Punkte aus!“

Beende das Intermezzo allerdings höflich mit: „Eigentlich vor 10 Minuten… gewöhnlich kommen hier die Leute um 1 Uhr oder 2. „Was? Also noch drei Stunden?“- „Geht was essen, schaut euch die Stadt an, das ist ein Club, kein Theater“, obwohl mir letzteres auch lieber wäre. Das Reimemonster trollt sich zu seinen Weggefährten und noch ehe die Bügel vollständig sind, sehe ich sie hinaus eilen in die lebendigere Nacht. Im Gegensatz zu den ersten Gästen bin ich mir sicher, die kommen wieder. Der DJ aus Berlin kommt an. „Ich bin der DJ.“ „Mensch, gut, dass du das sagst, wie du hier mit deiner Laptoptasche reingekommen bist, dachte ich erst, du bist die Klofrau!“ Ein eiskalter Blick foltert mich: “Na jut“, sagt er weiterhin Indianerblick haltend: “Würde jetzte jerne mal mit nem Verantwortlichen reden hier.“ In dem Moment tauchte Dimitri auf und, ja, die ganze Belegschaft hat ihn schon darauf hingewiesen, die letzten drei Betriebssitzungen, dass diese russische Fellmütze wirklich unmöglich rüberkommt, er aber bestand darauf sie auch während der Arbeitszeit zu tragen. “Brauchst du Nadeln oder hast du selbst welche?“, fragt er den DJ, dieser winkt ab und stolpert auf die Tanzarea: „Nöö, du, ick bin runter von dem Zeug, ick rauch‘ das nur noch. Und hier vorne ist quasi die Master of Desaster Arbeitsfläche?“ Fassungslos schaut mich Dimitri an: „Kann nicht glauben, die Jugend nicht so wie früher ohne USB feiert.“ „Ich denke ja auch, mit der Digitalisierung ist auch so eine Art Digitalisierung unserer Herzen und Seelen passiert, weißt du wie ich mein‘?“ „Hast du Klorolle gemacht?“, forderte er mich heraus, dann verschwand er wieder. Ich machte die Klorolle und sprühte mit Exotic-Brise den Urinstein zurecht. Die Barbelegschaft gab das Go für die Nacht, die bunten Lichter wurden angemacht und irgendjemand hatte dem DJ sein erstes Getränk gebracht, in das er irgendein weißes Pulver einrührte und auf ex trank. Dann schloss er seinen Rechner an und startete seine Playlist. Als nächstes flog er an mir vorbei zu den Toiletten, auf dem Rückweg legte er sich halb auf meinen Tresen, schnurrte und meinte: „Dein Parfum hier in der Luft, dat kenn ick. Grade aufm Örtchen dachte ick mir, Jochen, dat kennste jenau, dat selbe hatte meine Ex auch immer druff. Er schnurrte erneut und setzte wieder den Indianerblick an, ich überlegt ob Exotic-Brise auch noch als Pfefferspray taugte, sprühte mir aber vorsorglich zwei Stöße in den Achselbereich. Der Abend konnte beginnen, plötzlich überkam mich der unbändige Drang blau zu machen.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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