Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Zuckerperlen für Einhörner, ein Affe und Bananenpreisspekulation“

Verschwörungstheorie themeManchmal ist einem so schlecht, dass man nicht mehr in der Lage ist einen Arzt zu rufen. Ich hatte mal so einen Tag, da wollte ich sterben, oder sagen wir, ich war am Sterben und wollte das es schneller geht. Ich bin ganze 12 Stunden gestorben. Ich hatte Dienst und ein Kunstprojekt namens Zuckerperle verwandelte den Club in ein Cartoonland. Einhörner flogen an den Wänden entlang, ein Goa-Drache hatte sich ein Wohnzimmer eingerichtet, Glitzerkonfetti durchstob die nassgeschwitzte, verrauchte Partyluft. Alle waren per du und wir saßen bis zum Mittag in der prallen Sonne auf dem Hinterhof mit der Crew der Zuckerperle. Spätestens als ich mich fragte, wann diese ihre täuschend echten Einhornkostüme angezogen hatten, spürte ich wachsendes Unbehagen. Eines der Einhörner stand auf und meinte: „So, Zeit um in den Pool zu gehen!“ Woraufhin es kopfüber in die Regentonne sprang. Aus dem überschwappenden Wasser stieg ein Regenbogen zur Sonne empor und direkt zurück in mein fast leeres Glas. Zuckerperle. Das Allerletzte ist unverhofft Drogen im Glas zu haben. Und ich war eindeutig druff. Ein Rausch von Schock-Nüchternheit ließ mich nach Hause kommen und geradeso den Eimer erhaschen, den ich neben mir auf dem Kopfkissen parkte. Mein Kopf brummte und mir war kotzübel. „Einhornübel überm Einhornkübel.“, schoss es mir durch den Kopf. Ich schloss die Augen. Versuchte irgendwo Halt und Ruhe zu finden. Langsam erinnerte ich mich daran, wieder klar zu sein. „Naaa, Zuckerperle?“ Ich erschrak, riss die Augen auf und da saß er direkt auf meinem Bett. Ein mittelgroßer, orange-roter Affe. “Das scheint mir aber ein ganz übler Trip zu sein!“ – “Ja, da sagst du was!“, erwiderte ich hilflos zurück. Ich schaute ihm kurz in seine großen, braunen Augen, dabei runzelte er seine Stirn wie der Grand Canyon, dann schaute ich schnell wieder weg. Ich versuchte die Selbstsuggestionsmethode. „Du hast aus Versehen Drogen genommen, weil dir so ein bekloppter Party-Hirni-Döspaddel ’nen Trip verpasst hat, alles wird gut, du siehst nur einen Affen, weil du drauf bist. Alles wird wieder gut? Der Affe ist gar nicht da! Alles wird…“ – „Redest du immer so mit dir selbst?“ Ich starrte den Affen fassungslos an. Diesmal länger. Ich legte meinen Kopf nach links – er tat es mir nach. Ich schüttelte mein Gesicht, rieb die Augen – er ebenso. Mein Kopf lief heiß! „Ich hab‘ ’nen Affen!“, schrie ich ihn an! „Moment mal!“, schrie der Affe zurück. Ich schmollte und zog das Kopfkissen über mein Haupt. Ich brauchte Schlaf. In der Dunkelheit drehte sich die Sonne mit 365 Kilometer pro Stunde um mich. Ich hielt es noch ein paar Minuten so aus, dann erreichte das Karussell Regenbogenvalley und ich befreite mich aus meinem Versteck, um mich erneut über den Eimer zu beugen. Ich wollte nicht mehr und jammerte drauf los. „Nie wieder Alkohol, nie wieder Drogen, nie wieder Regenbogen.“ – „Hast du zufällig eine oder zwei Bananen im Haus?“
Er war also noch da. Ich drehte mich nicht um und beschloss, ihn erstmal zu ignorieren, ich musste Schlaf finden. So legte ich mich mit dem Rücken zu dem Vieh und versuchte ganz ruhig zu Atmen. Mir gelang es, für ein paar Minuten weg zu dämmern, doch dann musste ich erneut die letzten Mageninhalte los werden. Mit halbgeöffneten Blick sah ich einen Berg Bananenschalen neben dem Bett liegen, sagte aber nichts. Als ich das nächste Mal kurz erwachte, hatte ich einen nassen Lappen auf der Stirn und jemand kraulte meine Füße. Ich war froh, dass ich mich schon besser fühlte und schlief über den Gedanken, dass dies der beste Affe meines Lebens ist und die Zuckerperlen-Crew zu verklagen sei, wieder ein. Es war bereits wieder Nacht, als ich zu mir kam. Ich öffnete die Augen und als die Luft rein war, sagte ich laut zu mir: „Was für ein Trip?“
„Wie du bereits mehrfach erwähntest, der krasseste deines Lebens!“ Die Stimme kam mir bekannt vor und da sie aus meinem Bürozimmer nebenan kam, musste mich einer meiner Freunde gerettet haben. Ich versuchte mich zu erinnern, aber alles, was mir einfiel, war dieser Affe. Eh‘ ich aufspringen konnte, landete der auch schon wieder mit einem Satz auf meinem Bett. „Siehst schon viel besser aus.“, meinte er und grinste mich an. „Ist es okay, wenn ich dein Internet für Recherchezwecke nutze?“ – „Klar, was recherchiert denn ein Affe so? Bananenpreise?“ Ich war also immer noch volle Bude unterwegs und unterhielt mich mit einem eingebildeten Tier. „Eher Bananenpreisspekulation!“, antwortete mir die Wahnvorstellung. „Billig Bananen!“, warf ich zurück, denn ich beschloss das Spiel mitzuspielen. „Bananenrepublik!“, antwortete der Affe. „Dritte-Welt-Produzenten.“, gab ich zu bedenken. “Greenwashing.“, setzte er mir entgegen. „Green-was?“ – „Na, wenn Firmen ihre Drecksmachenschaften durch angebliche faire oder ökologische Aktionen verschleiern. Wusstest du, dass die Bananenindustrie auch mit dem Geheimdienst zusammenarbeitet um schnell mal einen Regierungsumsturz durchzuführen?“ – „Sag mal, hackt’s?“ – „Na, das musst du die fragen, nicht mich.“ – „Wenn, dann wäre so was doch strafbar und die Öffentlichkeit würde das wissen.“ – „Es sei denn, du lässt dich vor Gericht auf einen Vergleich ein und zahlst mal eben 25 Millionen Dollar um weiter dein Monopolgeschäft zu führen.“
Dieser Affe hatte es faustdick hinter den Ohren, schwallt mich kurz vor Mitternacht mit Verschwörungstheorien zu und klingt dabei wie der Pate, ich beschloss die Zuckerperlen-Crew nicht zu verklagen, das alles und vor allemf von meinem Affen niemanden zu erzählen. Ich teilte mir eine Banane mit ihm und ließ mir den Kopf kraulen und hoffte, wenn ich am nächsten Morgen die Augen aufmache, würde wieder alles normal sein. Die Kopfschmerzen gingen fort – der Gedankenaffe blieb.

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520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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