Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Kurz vor 12 – Die Unruhe vor dem Sturm“

Verschwörungstheorie themeHohe Windstärke mit fünf Buchstaben. Sturm oder Orkan? „Wo ist denn hier das Klo?“, unterbrach meinen Gedankenflug eine brünette Hagere. „Hier eher nicht, den Gang da runter und rechts halten.“, antwortete ich ihr etwas gelangweilt. Ihr Haar hing in geordneten Strähnen unten angelockt an ihren schmalen Schultern herunter. Ihr Mund war durchtränkt von lila-metallic Flüssigplaste und über den Augen trug sie den akkuratesten Lidstrich, den ich jemals sah.
Wie macht sie das nur? Sie stand einfach da, klotze auf mein Kreuzworträtsel, welches ich schnell zusammenfaltete und unter dem Tresen versteckte. Da lag es nun neben einem halben angeknabberten Käsebrot, drei Kräuterbonbons, den Garderobenmarkenchips und Kleingeld, Ludmillas Wechselschlüppi und Exotic Brise. „Da lang.“, wedelte ich der Eisprinzessin den Weg vor, worauf hin sie sich langsam in Bewegung setzte. „Und nicht erschrecken!“, rief ich hinterher. Sie drehte sich schlagartig wieder um. „Unisex?“ – „Nöö, alles getrennt, aber sagen wir mal, es ist nicht gerade wie bei dir zu Hause!“ Ihr Kopf wurde knallrot und schwoll an, fast zerbrachen die Lidstriche, dann platze sie mir entgegen: „Woher willst du wissen, wie es bei mir zu Hause aussieht?! Ich lass‘ mich doch nicht von so einer Bügeltussi wie dir dumm anmachen!“. Sie ergoss sich vor mir über und über mit Schimpfworten, bis ihre „verdammte Drecksblase“ gleich platzte. Und plötzlich war sie verschwunden und aus der Rauchwolke stieg ein kräftiger Mann hervor und trat betreten zu mir. „’Tschuldige, meine Frau ist schwanger und ich war vor drei Tagen hier mit deiner Kollegin abgestürzt. Sie denkt quasi, du bist Ludmilla!“ Baff zog ich die Marken hervor, beschloss das Käsebrot nicht weiter zu essen und schob es näher an das Wäscheandenken meiner Kollegin. „Das tut mir leid!“, antwortete ich und nahm ihm beide Jacken ab. „Mir auch.“, antwortete er und ich glaubte ihm. Gegen die Eisprinzessin ist Ludmilla eine warme Quelle. Ich mochte Ludmilla, auch wenn wir uns selten sahen. Sie hinterließ mir immer ihre „Vorsicht: Player/ Psycho/ Krieger/ Druffi/ IT-ler /Bwl-er /Sportstudenten-Listen“ an der Wand, die von den Gästen nicht sichtbar war, aber meist genaueste Karikaturen von jenen enthielten. Und Fotos. Die sie machte, wenn es keiner mehr mitbekam. Die Ausfällige kehrte mit eisigem Wind zurück. „Schatz, wir gehen jetzt. Hörst du, Schatz?“ Schatz schaute kurz sehnsüchtig Richtung Tanzfläche, dann spähte er nochmal in die Garderobe, doch außer zehn Jacken fand er da keine Ludmilla. Ich gab ihnen ihre Jacken zurück und beide zogen von dannen.

Kurz vor 12 hatte der DJ alle Hits schon zweimal gespielt und versuchte eine der Barbedienungen rumzubekommen, vergeblich, sie stand auf Frauen. Danny, unser neuer Barchef, begab sich gerade zur fünften Raucherpause und lud mich ein ihm Gesellschaft zu leisten. Ich schloss die Garderobe und folgte ihm, immer noch gefrostet von dem schwangeren Eisdrachen. Eigenartiges Pärchen. Wer von beiden war wohl schlimmer? Und wie machte das Ludmilla eigentlich immer während der Arbeitszeit? Was für ein eigenartiger Geruch strömt hier und warum hat Danny seine Hand auf meinem Bein?
„Weißte, ich denke mir ja, wir müssen hier alle viel gechillter werden, sehr viel gechillter!“, leierte er, während er die Hälfte seiner Tüte wegzog. “Ah, ja, und du denkst, das erreichen wir, indem wir jetzt ein Tütchen rauchen?“ – “Eins?“, er kicherte und griff sich drei seiner Wursthaare. „Weißt Du, in Jamaica sagen wir immer: A joint a day keeps the doctor away!“, dabei tippte er mir mit den Enden seines Tentakelhaars ins Gesicht. Ich habe nichts gegen Kiffer, hatte auch gelegentlich mal auf Partys und letztens mit dem Affen, aber auf Arbeit und wieso denkt er, er wäre Jamaikaner? Ich gab Dannys äußerst weiße Hand zurück und verwies auf die Anweisungen von Luigi, unser Chef schreibt vor: Zwischen 11 und 4 sind Drogen tabu! „Hat er das gesagt?“, kicherte er mich an. Ob es am Rauch lag, der mich vollkomen eingehüllt hatte, vermochte ich nicht zu sagen, aber auch ich war etwas amüsiert.
Luigi hatte den Club geerbt, als der Vorbesitzer einen Streit mit der Russenmafia nicht überlebte und Luigi hatte ein kleines Problem. Dieses Problem beherrschte er mittels SMS und E-Mail-Verkehr und einer Schreibtafel. Luigi war der erste taubstumme Clubbesitzer weltweit. Dafür hatten wir die beste Bassanlage der Welt! Nach und nach holte Luigi seine Cousins aus Italien nach, die alle mal mehr oder weniger die Abendleitung übernahmen. Giovanni, der letzte, war gerade ein paar Wochen da und hatte Danny eingestellt. Mir schwante kurz, ein schwarzer Schwan säße auf der Regentonne, doch die Zeit holte mich ein und ich beschloss zur Arbeit zu flüchten, mit ein paar „irie“ Worten entschuldigte ich mich im Gehen.

Vor meiner Klamottenannahmestelle versammelten sich Aufgeber und Neuankömmlinge. Ich gab drei Jacken zurück und nahm acht neue und fünf Taschen entgegen, hatte eine Diskussion über Wucherpreise und ließ nebenbei Ludmillas Wechselschlüppi in den Papierkorb wandern, wo er sich mit dem Käsebrot endgültig vereinte. Es kehrte wieder Ruhe ein, der DJ versuchte nun ein paar langsamere Nummern und wählte tatsächlich die Songs einzeln aus. Danny winkte mir von der Bar aus zu, ich winkte zurück und nahm mein Kreuzworträtsel zur Hand. „Duuuu, Eineinhalb Worte ist raus für heute“, sprach mich jemand von der Seite an. Kryptorätsel und so ein bisschen high sein, na toll, dachte ich mir! Ich entgegnete der Stimme: „Ja, bitte, was soll es denn sein, eine Jacke oder Tasche?“ – „August mein Name, ich bin Poetryslammer heute hier.“ – “Das tut mir leid!“, rutschte es mir raus, während ich den Matetrinker erkannte.
Wir schauten uns kurz an, dann schwang er seine blonde Locke quer über den Kopf und wiederholte. „Eineinhalb Worte ist raus, wir sind nur noch zu zweit, der Typ mit Fellmütze meinte, wir sollen es Dir sagen!“ – „Warum?“ –  „Hat er nicht gesagt!“ – „Warum ist er raus?“ – Hinter dem Typ von Locke ertönte ein dünnes Stimmchen: „Esisssstaueeees.“ – „Es ist aus!“, übersetzte August. „Meieelldekannnu niemupusupokanimeeeeuunkamokafrukaeeeey“ – „Seine Eltern wollten immer, dass er was Anständiges macht, keine Frau, kein Geld, kein Erfolg, zu viele Texte über Einhörner.“, übersetzte nun der andere der drei Poeten.
„Kasumigokeeekaaa plotzki bauuuun.“ – „Er will jetzt in der Baufirma seiner Eltern anfangen.“, übersetze nun wieder die Locke.
Ich war entsetzt, hatte ja schon viele gebrochene Künstler erlebt, nur das Elend war elender.
„Ischgehnusaufn.“ – Das verstand ich und fragte, ob es nicht dafür zu spät ist, doch die anderen beiden stimmten ein, dass Alkohol keine Lösung sei, aber helfen könnte. „Mazumbokaloveanschum.“, schwankte Eineinhalb Worte von uns davon, doch diesmal übersetzte keiner. „Was meint er?“ – “Keine Ahnung, aber schade, er war einer der besten.“, antwortete der Blondschopf und wurde je von Dimitri unterbrochen. „Hast du Deserteur noch gesehen?“ – “Ja, der Arme war total durch.“ – „Gut. Seit wann arbeitet Typ mit weiße Pulver als Barchef?“ – „Ähm, gute Frage, seit ihn Giovanni eingestellt hat?“ – „Gut. Hast du von Giovanni heute schon gehört?“ – „Ähm, nein!“, und ja, das war gelogen, doch alles, was ich wissen durfte, war, dass Giovanni heute nicht mehr auftauchen würde.
„Gut. Ich hab‘ jetzt Feierabend. Hier ist Schlüssel! Du hast ab jetzt Leitung, schreib Luigi, wenn was ist!“ In diesem Moment zogen sich blutrote Wolken in der Spätsommernacht zusammen. Plötzlich war ich allein und Panik stieg auf. Ich musste kurz an Jule und Olaf denken und stellte mich meiner Aufgabe statt wegzulaufen. Der Sturm konnte kommen.

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520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

Ein Gedanke zu „Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Kurz vor 12 – Die Unruhe vor dem Sturm““

  1. Liebe Manja,
    Ich bin nicht sehr geduldig und nicht immer konzentriert beim Lesen, aber deine Art zu
    Erzählen bringt eine gewisse Ruhe in mir…
    Und die humorvollen Stellen bewirken, dass ich doch dran bleibe..nachdenke. Merci.

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