Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – Zum Mond – Jule und Olaf.

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„Das willst Du wirklich bringen?“ – “Ja klar!“
Mein Adrenalin fuhr mit 296 km/h in Richtung Zimmerdecke. Jule schaute mich triumphierend an. Doch da war kein Triumph, da war nicht mal ein Bogen. Da war nur der Ring sie zu knechten.
Und das war der Moment, als ich Jule zum Mond schoss, gedanklich. Ich setzte sie samt Spitzenbluse und geflochtenem Zopf in eine Minirakete und feuerte feierlich die Zündschnur an. Drei, zwei, eins – deins.
„Ich dachte, wir hassen Olaf?“ – „Na, stell‘ dir nur vor, dann haben wir jetzt allen Grund dafür.“ strahlte Sie mir zurück. In meinem Kopf ratterte es.
Er hat ihr Fluorid ins Essen gemischt – sie wird willenlos?
Sie ist schwanger und es sind die Hormone?
Sie hat im Lotto gewonnen und er hat die Hälfte der Zahlen gewählt?
Verdammt, sie sind Millionäre und sagen mir nichts, heiraten und dann wird aus zwei flitternden Wochen Karibik ein Für-immer?
Und ich werde hier allein gelassen und muss Jule auch noch hassen, weil sie „Ja“ sagt zum Looserkönig – ich hab das mit meiner Mutter noch nicht verarbeitet und versuche trotzdem eine Frau zu finden, die so ist wie sie – Olaf. Oh, Love, wie bist du abwegig unterwegs?

Ich nahm erneut die Spur auf, während ich nach Luft rang. „Sag schon, Jule, er erpresst dich doch, oder?“ – “Nöö!“ – „Du bist schwanger?“ – „Nöö!“ – “Sag nicht, er ist todsterbenskrank?“
Jule schüttelte den Zopf. „Versteh‘ doch bitte, er ist, wie er ist, und wir werden heiraten, weil wir uns lieben.“ Ich zerpresste den Cupcake in meiner Hand zu Mürbekeks mit Marmeladenfüllung und wollte ihn als Frisbee nutzen, doch da fiel mir meine Erziehung wieder ein und dass ich mich als Freundin eigentlich freuen sollte. „Liebe?! Juleeee!“, schrie ich hysterisch: „Wo bitte ist das Liebe? Ja, du wohnst bei ihm, du wäschst seine Schlüpfer und führst seinen Hund Gassi, du putzt und arbeitest. Und der Typ zockt permanent, ist faul und hält Treue für eine App. Mal abgesehen von den Kontrollanrufen! Nicht Boxershorts, Schlüpfer, Jule!“
Jule senkte den Kopf, ha, ich hatte sie da, wo ich nie sein wollte. Will man denn zweifeln, wenn einer fragt? Wer fragt mich denn? Ist es überhaupt mein Recht, mich einfach so zwischen sie zu stellen, weil ich glaub‘ besser zu wissen, was für Jule gut ist? Darf ich mich vorstellen: die mieseste Freundin, die man haben kann. Single und frustriert. Bombe, Bombe, ich falle… „Er kann kochen!“, stellte Jule nun fest. „Und er ist seit einem Jahr treu. Er bringt mir oft meine Lieblingsschokolade mit. Ohne sein leises Schnarchen kann ich nicht mehr einschlafen. Er hat diese Methode Oberteile in drei Sekunden zusammenzulegen. Er kann super handwerken, wenn er will.“
So, perfekte Schande, Jule hatte ihren Text auswendig drauf, schön zurechtgelegt plausibel und glaubwürdig, nun war ich an der Reihe. Es verstrichen die Minuten, wir hörten eine Weile dem Regen zu, wie er einen Punkt nach dem anderen setzte, mir wollte nicht mal ein Komma gelingen. Neben meinen Füßen rieselte es Marmeladenkekskrümmel.
„Wir brauchen einen Zeugen.“ – „Ja klar, ich mach‘ mich mitschuldig!“, plumpste es aus mir heraus. Doch Jule war erfreut und wertete meine Zustimmung positiv. Als sie mich überschwänglich umarmte und kleine, heiße Glückstränchen meinen Nackenausschnitt errollten, dämmerte es mir. Jule war tatsächlich glücklich. Glücklich über ihre Zukunft mit Olaf und unter diesen Umständen sollte es okay sein. Ein bisschen perfekt ist doch schon mehr als sonst. Das wussten die beiden. Es klingelte und Jule begann nervös ihre Tasche zu durchforsten, dabei wirkte sie wie eine Schatzjägerin, denn immer wenn ihr etwas in die Hände fiel, was sie letztens gesucht und nicht gefunden hatte, entfuhr ihr ein erstauntes „Ah“ oder freudiges „Oh“. Natürlich war es Olaf, der wissen wollte, wo sie war und ob sie alle Einladungen verschickt hätte. Es blieb ein erstaunlich ruhiges Gespräch, so hatte ich genug Zeit, mein Neidgefühl darüber, dass jemand wissen will, wo man ist, und meine Wut darüber, dass die beiden es ernst meinen, grenzenlos wie im Wellenbad in mir hin und her schwappen zu lassen. Schwupp, schwapp.
Schwupp, schwapp, schwupp. Der Regen setzte im Takt ein. Schwapp. Punkt. Schwupp. Punkt. Ich schoss mich gedanklich selbst zum Mond. Jule hinterher.
„Und bei dir so?“, begrüßte mich dort oben angekommen Jule.
Diesmal spürte ich so etwas wie Glück. Auch wenn ich es nicht verstand, die Auswirkungen betrafen mich genauso. Ich war mir sicher, wir würden Olaf gelegentlich richtig doll hassen, doch ich wusste auch, die Frage, wie es mir geht, hatte sie mir schon lange nicht mehr gestellt. Zwischen dem Dauerstress in ihrer Beziehung und meinen Schichten hatten wir uns ganz vergessen. Und so zischte es aus mir heraus. Mir gelang es, Olaf als den Auserwählten zu akzeptieren und eine Brandrede für die Liebe in Zeiten des Krieges zu halten, bis Jule zu ihrem Zukünftigen eilte – zuvor hatte sie mir den Auftrag für die Hochzeitsrede erteilt und mir versichert, dass wir noch oft hier sitzen werden. Den „Einen“ finden, wer hat das nur erfunden? Der Gedankenaffe saß auf dem Fensterbrett und wiegte sich stumm hin und her. Eine Rede will auserdacht werden. Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer für Jule und Olaf. Mit Schreibzeug bewaffnet zog es mich auf die Couch.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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