Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – The Fürst ohne James Last und die Unendlichkeit

Verschwörungstheorie theme
The Fürst

…ist immer irgendwo die eigene Realität.
Der Fürst saß vor einem weißen Blatt Papier und fragte mich:
„Was soll ich hier?“
Der Fürst stand auf dem First und fragte mich, was schreib‘ ich zuerst.
„Das Erste ist für mich kein Kanal, sondern schon immer der Humanismus“ zetert der Piratensender-Aktivist Sven Japsen, während sich Oma den Tee aufgießt und leise ein altes Lied summt. Sie stellt die Anlage auf Stand-by und meint: „Ständ bei zieht awer och tüchtsch viel Strom“, ich nicke.
„Das erste war immer dor Opa. Nu isser tot.“ Ich nicke erneut und versuch‘ mir vorzustellen, dass sich an dieser Tatsache auch in weiteren 10 Jahren nichts ändern wird. Ob Opa auch ihr Erster war? Ich trau‘ mich nicht zu fragen.
„Er war da Fürst unsrer Familsche…“, setzt Sie wieder an, ich denke über Herrschaftsstrukturen nach und an eine Zeit, in der Männer noch der Erste blieben. Oma sitzt über ihrem Tee und summt erneut. Statt Fürstenspiegel fand man bei Opa nur stapelweise Pornos aus den 80igern.
„Friedrich der Große war ja auch nur 1 Meter 63.“, murmelt sie, richtet ihren Dutt erneut und streift sich die Gesichtsfalten glatt nach außen. Dann richtet sie den klarsten Blick ever, ever, ever in meine Richtung, packt mich am Arm und beginnt mit ruhiger Stimme: “Fürst kommt aus dem Althochdeutschen. Früher sagte man ‚furisto‘.“ Ich starre sie entsetzt an.
„Das heißt der Erste!“, sie erhebt die Stimme, “Und das heißt, dor Opa bekommt das erste Fleisch und das Beste.“ Oma hatte auch verdrängt, dass Opa in seinen letzten Tagen Vegetarier wurde.
„Wenn er erst moal aus Ukrael zurück kimmt, jibbet Eisbähn mit Klösse.“
Ich streichel‘ ihr sanft über das flusige, nach hinten gepferchte Haar. Heute hat sie einen guten Tag, auch wenn sie im Dialektmeer aus den Vollen schöpft und Länder erfindet, strahlt sie und teilt sich mit.
„Weißte, Oma, irgendwann finde auch ich meinen Fürst und der bekommt immer das erste und beste Fleisch, oder Tofu.“ – “ Sicher dat, mei Kind, ick sochs ä moal soa, es kütt wie es kütt. Ukrael hin oder her, da gänsefleisch ä Ding drauss mochen oder nicht, dä Familie die duat zusammhalte.“

In diesem Moment springt Elena Fürst, die Anwältin der Armen, ins Geschehen. In ihren Händen ein Laserschwert und ein Mikrofon:
„Adelstitel kann man kaufen, bei WertTL gibt’s für Bares auch Hundehaufen! Ukrael ist groß, aber was war denn zu erst da, das Ei oder die Helene Fischer? Da muss ich jetzt mal nachhaken … wie, Jeff, du willst jetzt schon gehen … und wie, du heißt nicht Jeff?“
Oma versucht die Soap-Juristen mit einer Tube Elsterglanz aufzuhalten, während ich beschließe sie damit allein zu lassen und unter den Tisch zu flüchten. Frau Fürst springt währenddessen auf selbigen und fordert nun den Fürst des Sozialamtes zu einem Gefecht heraus. Es geht um Sanktionen gegen Kaviar.
„Oiso I moag ned mehr“, schrei‘ ich der Oma zwischen den Fronten zu, während Xenia Xavier Fürst meinen Arm ergreift und mich Richtung zerbröckelter Mauer schleift und dazu die ukraelische Version von „Dieser Weg wird kein leichter sein“ anstimmt.

Elsterglanz?! Jetzt fällt mir ein welches Lied Oma summte: „Ich war im Reifenstapel jefangen seit 1912.“
„Aber Oma.“ – „Nimm de Lüüd so, as se sünd, un nich so, as se wull wesen kunn!“, schreit mir Oma zu und der ganze Traum zerfällt endgültig zu einem laufenden Fernseher und einer Sabberspur quer über meinem Arm, der unheimlich wehtut vom Draufliegen.
Ich schalte die Drecksglotze auf Stand-by. „Der Erste, der rausfliegt, ist der Fernseher.“, stelle ich fest. Der Affe nickte verständnisvoll und schob dabei auffällig unauffällig die Fernbedienung in die Sofaritze.
Die Realität ist eine Nachricht, die mein Display erhellt, darüber dass Niemann Kent das Gedicht „Ukrael“ von Sören Brent gefällt. Ich kommentiere das mit einem „Sören Brents ‚Ukrael‘, das ist doch dieses eine, was man nicht laut lesen darf!“ Der Gedankenaffe wehrte ab und sprang auf den Tisch, trommelte sich die Brust und räusperte sich zweimal, dann begann er zu rezitieren:

„Sören Brent – Ukrael

Ukrael, oh, Ukrael,
das Land, wo Blut und Eiter fließt,
du brennst lichterloh,
machst H&K und Dichter froh.

Hoher Osten, nahe Pfosten,
hohle Floskeln…
Tor, Tor, wir sind Weltmeister,
hoch die Gaucho-Flossen.
(Eichsfelder Taschen nennt man Fotzen.)

Ukrael, oh, Ukrael,
von Pro-Dämonen gut geführt
verschiebst du die Grenzen,
die Gute zu Schlechtem verführt.“

„Siehst du“, applaudiere ich ihm zu „das ist Poetry von Feisten!“ – „Bananenmäßig.“ – “Mir machen Poetryslammer manchmal Angst“, gestehe ich.
„Gedichteknaller ja – Knallergedichte nein. Hoch lebe Sören Brent!“, und damit stieg der Affe vom Tisch und ich schaute auf mein leeres Blatt Papier.

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520universum

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