Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Newcomer, Dinosaurier und ein rauchender Mob“

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„Kann ich das Tuch noch in den Ärmel stopfen?“, fragte mich eine Newcomerin. So nannte Ludmilla die Frischlinge. Alle unter 20, das erste Mal im Club und allein da, das war immer etwas kompliziert.
„Kann man hier rauchen?“ – “Draußen im Hof!“, schleuderte ich zurück, zusammen mit drei Garderobenchips.
„Muss ich mir da extra Kippen hier kaufen?“, ich starrte sie an und bewegte ganz langsam eines meiner Augenlider. Dabei presste ich es in Zeitlupe zusammen und wieder auf. “Geht´s denn jetzt mal weiter?“, grölte einer aus dem Off.

Seit zehn Minuten herrschte Chaos. „Naja, anscheinend ist sie wohl völlig überfordert mit ihren Job.“, meinte eine, die fast die Mutti der Newcomerin hätte sein können, zu ihrer mindestens gleichaltrigen Dinosaurierfreundin.
Kurz überlegte ich, mich heulend und strampelnd vor die Masse zu werfen und dem Dinoweibchen in die ledernen Fesseln zu beißen, während ich Schaum aus meinen Mundwinkeln vorpresse, entschied dann aber, mich freundlich der Reihe nach um jeden Einzelnen zu kümmern. „Du darfst deine eigenen Zigaretten rauchen, obwohl dies in deinem Alter so eine Sache ist, sonst siehst du irgendwann aus wie die netten Frauen hinter dir.“, flüsterte ich der noch nicht vollständig Auspubertierten zu. Sie kicherte, keine Ahnung, was sie verstanden hat. Umgedreht hat sie sich nicht, sie starrte mich weiter an, Kommunikation mit Beats. Der Beat ist mies, schoss es mir durch den Kopf.
Oma meinte mal, sie kannte einen Sounddesigner, der sich darauf spezialisiert hat Töne in Musik einzubauen, die wehtun. Ich fragte Oma, ob der heute zufällig Produzent für Chartmusik ist. Oma meinte, er wäre eines Tages von den Russen abgeholt worden, später waren es die Amerikaner und noch später gab mir Opa zu verstehen, dass es nette Menschen waren, die sich seitdem um den Herren liebevoll kümmern, in einer Anstalt.

„Also, Trinkgeld bekommt die auf jeden Fall nicht.“, sagte die Dinofreundin zu ihrer Begleiterin, während sie mir zwei Jäckchen auf dem Tresen platzierte. „Soll das auf einen Bügel?“ – „Sehen wir so aus, als ob wir uns nicht mehr leisten können?“ – „Eher, als ob ihr nicht wollt“, dachte ich mir. Ich versuche mich zu erinnern, wie die Dinos ausgestorben sind, ordne brav die Jäckchen auf ihren Bügeln… verloren und flatternd im Wind, allein vom Zusehen wurde mir kalt. Vermutlich mit dem Taxi vorm Club abgesetzt. Ich wickelte die Urgetiere ab. „Ich will doch nur meine verdammte Jacke abgeben hier!“, schrie es aus dem Off. Weit hinter den Köpfen sah ich kurz Danny, weiterhin grub er die Barfrau an.
Ich musste schmunzeln, alles im sicheren Bereich. Doch da stand schon Günni da. Den Blick geschärft und wandernd, zwischen Bar und Barfrau und Danny. Schweiß stand auf Günnis Stirn und Oberlippe.
„Und was ist dein Lieblingsdinosaurier?“, versuchte ich die Situation aufzulockern. Dabei fiel mir auf, dass die Unvolljährige immer noch an der Seite stand und mich beobachtete. „Kann ich noch etwas für dich tun?“, fragte ich sie, während Günni zu schnaufen und die Nasenlöcher aufzublähen begann. „Könnte ich noch mal kurz an meine Jacke, da sind meine Ziggis drin?“
Der Mob protestierte. „Immer der Reihe nach!“, schrie einer, eine Frauenstimme überschlug sich: „Ich steh‘ hier jetzt schon zehn Minuten, nichts passiert.“ Weiter hinten vernahm ich ein: „Wir werden alle stööööörbeeen!“, und in der 1. Reihe meinte jemand: „Frauen und Kinder zuerst!“ – „Kann ich dem Kind erstmal seine Zigaretten geben?“, herrschte ich zurück, plötzlich war es still.

Der DJ hatte seinen Übergang verkackt und fummelte nun aufgeregt an sämtlichen Knöpfen und Drehreglern, für einen Moment war nur das Schnaufen von Günni hörbar. Günni zog die Lederjacke aus, warf sie mir zu und bewegte sich quer über die Tanzfläche, um kurz darauf mit der Barfrau unterm Arm Richtung Raucherterrasse zu steuern. Man hörte lautstarke Auseinandersetzungen.
Günni hieß eigentlich Samanta Maria, war bildschön und die Freund_in der Barfrau, allerdings auch wahnsinnig eifersüchtig. Während ich im Akkord Jacken und Taschen hinter mir wie in Tetris arrangierte, fischte ich Ludmillas Schlüppi aus dem Papierkorb und stopfte ihn in Günnis Lederjacke. Schließlich, fand ich, sollte das Spiel ruhig mal abwechselnd laufen. So langsam beruhigte sich die Abgebermassive und ich bekam sogar etwas Trinkgeld.
Günni setzte die Barfrau wieder an ihren Arbeitsplatz und positionierte sich seitlich an der Tanzfläche. Die ersten bildeten eine Art Tanzkreis, der von einer sichtlich professionellen Antänzerin angeführt wurde. Jetzt durfte sich jeder noch zeigen, bevor man zu einer homogenen Masse verschmolz und maximal noch hinter dem DJ, auf der Bar oder den Boxen als Individualperson sichtbar wahrgenommen wurde. „Schön, schön.“, murmelte ich.
„Nee, gar nicht schön! Ich hab‘ meinen Chip verloren!“ „Micro-? Oder RFID?“, scherzte ich zurück. „Na, das ist ja mal ‚ne Frage!“, bekundeten mir zwei braune Rehaugen mit scharlatanischem Antlitz. Poah, war das Gras von Danny gut! „Du meinst deinen Garderobenmarkenchip?“, säuselte ich ihm entgegen und verlor mich in seinem Blick. „Ja.“, säuselte er ebenfalls. „Was machen wir denn da?“, die Luft knisterte und schlug Funken, ich konnte uns in Rauch stehen sehen. Wir standen tatsächlich im Rauch. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: „Wer zum Fisch raucht denn hier?“ Fünf Hände gingen nach oben… „Nöö, Leute, so nicht.“ Ich erkannte die Newcomerin unter den Tätern, also folgte eine kurze, mütterliche Abwatschung und ein drohendes Hausverbot. Ich liebte es Chef zu sein, ich liebte die Rehaugen, ich liebte den Moment.
„Wie sieht sie denn aus?“, fragte ich. „Die Marke?“, säuselte er. „Gut.“, dachte ich mir: „Gut sieht sie aus.“ wiederholte ich. „Ja und ihr sofort Kippen aus!“ schrie ich über seinen Kopf hinweg!
„Ich denke, es war irgendwas mit zehn und neun“, ich spielte mir kurz in den Haaren und versuchte den Blick vom Unterwäschemodel des Werbeplakats vorm Club nachzuahmen. Das Rehauge schaute skeptisch zurück. „Na und deine Jacke, wie sah die aus?“, etwas hustete im Hintergrund. „Manno, ich mein‘ das Ernst, oder wollt ihr alle Strafe zahlen?“ – „So eine weiße da, die mit Silber.“, stammelte mein anbetungswürdiger, hilfesuchender Edelmann. Als alle Glimmstengel erloschen und das Ritterhemd gefunden war, holte mich die Realität wieder ein. „Nur noch unfähige Leute hier!“, brummte einer der Hintermänner. „Ich will Eineinhalb Worte nicht verpassen!“, ein anderer . Ein Gotikmädchen schwor auf ihre Sterbenslangeweile und philosophierte, dass die Garderobiere wohl schon sehr lange tot wäre. Tot? Ich war bekifft und hatte auch Probleme, wollte ich ihr am liebsten entgegenfronten. Mein Sekundentraummann zog von dannen und ich, ich konnte nicht hinter her.

Neben mir schnaufte etwas synchron mit mir, ich gab Günni wortlos die Leder- und Ludmillas-Wechselschlüppi-Jacke zurück und sah kurz auf mein Handy. 12 SMS von Luigi, ob ich ihn nicht sprechen wollen würde. Ich klingelte sofort an, aber beim AB fiel mir auf, wie stumpf die Idee war. „Alles okay.“, tippte ich zurück! „Wir gehen wieder.“, flötete mir etwas in Ohr. Als ich hochblickte, war es eine der Dinoladies im Anhang eines angetrunkenen Dinomännchens, ihre Chips blinkerten mir entgegen und ich dachte so: „Hey, Nr. 109, da war doch was…“ Die Jacke mit der Nummer 109 hatte ich höchstpersönlich an den charmantesten Dieb abgegeben. „Ähm, die 109 ist gerade raus.“, stammelte ich panisch. Es folgte eine halbe Stunde Diskussion und aufgrund diverser Unfreundlichkeiten und Umstände beschloss ich, nachdem sie mir nicht glauben wollten, dass ich der Chef heute hier bin, dass Dinosaurier zu recht ausgestorben waren, unfreundliches Pack. So beendete ich vorläufig die Schlacht mit Taxigeld und dem Vorschlag, sich beim Chef telefonisch wegen der Versicherung zu melden. „Und nicht wundern, wenn der AB rangeht.“, meinte ich noch. Dann sagte ich laut für alle hörbar. „Der Nächste bitte?!“
weiter zu #9  „AB – Chaos vorprogrammiert“
Zurück zu #7 „The Fürst ohne James Last und die Unendlichkeit.“

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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