Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „AB Chaos vorprogrammiert“

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Vor ein paar Tagen lernte ich die Bedeutung eines Anrufbeantworters zu ignorieren.
Der Alltagsstress fuhr hinter mir in einer Art Traktorlok. Dampfte, hupte und schnaubte. Ich bog gerade rechtzeitig in meinen Hauseingang, wo mich kahle Wände freundlich runterbrachten. Den minimalen Einkauf parkte ich im Flur, wo sich die Tiefkühlkost zärtlich um die Frühlingszwiebeln schmiegte. Kalter Rauch stieg mir in die Nase, heimelich und unheimlich zu gleich. Zum einem riecht es nach Oma und Opa, damals als sie noch aktive Raucher waren. Zum anderen meinte meine Mutter immer, es gäbe nichts Schlimmeres als kalter Rauch, maximal noch kalter Rauch in der Kleidung und der Geruch nach kaltem Rauch an Kindern. Letzterem stimme ich zu, frag‘ mich aber jedes mal: Was ist mit kaltem Krieg, kalter Fussion und Progression? So ein kalter Entzug ist ja auch nicht so dolle. Ich schieb‘ meinen Gedankenaffen auf die Couch und widme mich dem alarmierend blinkenden Anrufbeantworter. Meine Leidenschaft, die Ansagen mittels Popsongs zu gestalten, hält scheinbar die Leute nicht ab, mir Botschaften zu hinterlassen. Ich würde mich über einen Antwortsong freuen.
Bei mir singt Lionel: „Hello is it meee you´re looking for? Cause I wonder where you are, and I wonder what you do?“, und dann müsste Stevie antworten: „I just call to say I love you…“, oder eben so ein Knaller wie: „Wonder how i wonder why, yesterday i saw the blue blue sky…“. Leider hat bis jetzt kein Teilnehmer meine kreative Idee aufgegriffen. Der einzig groovige Beitrag auf meinen AB war mal ein Atmen, Stöhnen, naja, irgendwie sowas halt. Kennt man ja. Ich geb‘ dem Gedankenaffen eine Banane und rate ihm, die Füße hochzulegen.

Sie haben drei neue Nachrichten. Erste neue Nachricht: „Huhu …huuuuhuuuuu, hier ist die Helga. Seid ihr nicht zu Hause?“ Keine Nummer hinterlassen. Wer ist Helga und seit wann wohnen in meiner Singlewohnung mehrere? Oder noch besser: Woher weiß Helga von meinem Gedankenaffen? Muss ich den anmelden? Die Ansagerin ist mit ihrer zweiten Ansage fertig und kündigt mir die zweite Nachricht an: „… hier ist deine Mutter, wo treibst du dich denn wieder rum, melde dich direkt bei mir!“ Kleine Stromschläge signalisierten mir ausgelösten Mutterarlam. Statt den Befehl umgehend auszuführen, verfällt mein Dasein in Schockstarre, der Affe liegt mit Drehfilm und Daumen im Mund am Boden und fragt nach einer Banane.

„Huhuuuu! Hier ist noch mal die Helga, habt ihr mich etwa vergessen? Gerdaaaa? Heinz? Das gibt es doch nicht.“, fährt es auch aus meinem Mund. Anhand ihrer Stimme schätze ich Helga ein Dutzend über die 60 und überlegte nun, ob Gerda oder Heinz Verwandte waren oder Freunde und wo hatte man Helga vergessen und was sollte ich tun? Es klingelte. Ich nahm den Hörer ab, trotz unbekannter Nummer. „Huhu.“, sagte Helga. „Helga.“, sagte ich. „Gerdaaaa.“, sang sie mir ins Ohr, „Ja, gut, dass ihr mal rangeht, ich dachte schon, das wäre eine falsche Nummer und ihr habt mich vergessen.“ – „Jaa also, nein doch, hier ist nicht Gerda, sie scheinen sich tatsächlich verwählt zu haben.“ – „Oh, na dann muss ich es noch mal probieren.“ Helga rief direkt zwei Sekunden nach dem Klick wieder an.
Beim dritten Versuch überließ ich das Spiel dem AB, fand es jetzt etwas krotesk, wie die alte Dame von Lionell gefragt wurde, ob ich tatsächlich die gesuchte Person bin. Keine Nachricht hinterlassen. Es klingelte erneut, diesmal beschloss ich, der Dame energischer zu erklären, was Phase ist und stellte den Lautsprecher auf laut, um mehr Bewegungsfreiheit beim Gestikulieren zu haben. „Hier wird jetzt nicht mehr gehuhut, ich bin nicht die, für die sie mich halten und sie können sich jetzt gerne meine Nummer aufschreiben und hier nicht mehr anrufen.“ – „Das ist ja nichts Neues, aber Kind, wie redest du mit mir? Hier ist deine Mutter und ich frage dich, hast du das Hundihandtuch eingepackt?“ – „Bitte was?“ – „Das Hundehandtuch, womit wir den Hund abtrocken am Hundi-Badetag.“ Der Gedankenaffe baut sich eine Liane aus meinen Papers auf der Rolle und versucht dabei in meinem Gesicht abzulesen, wie ich jetzt wohl im Ausnahmezustand reagieren würde. „Vor einem Monat war ich das letzte mal zu Besuch und wieso sollte ich da ein Hundehandtuch mitnehmen.“, sagte ich mit innerer Zwangsgeduld und äußerer Engelstimme. Der Affe setzte die Punktetafel 1:1 auf Gleichstand und applaudierte mir für die gespielte Gelassenheit. „Na, wenn es einer macht, dann du.“ Der Affe legt seine Stirn in Falten, verhängt ein 1:2 für meine Mutter und schnippte die Bananenschale an mir vorbei direkt auf die Kommode, wo die Telefonbasis stand. „Nein, hab‘ ich nicht.“ Jetzt auflegen, auflegen! Doch da fing es schon an, es folgte ein Monolog, dass ja jeder in der Familie was geworden ist, nur… ich hab es hinbekommen zu versagen. „Was ist mit dem schiefgelaufenen Bankraub von Onkel Edgar?“, will ich einwerfen und verkneife mir den Protest, während ich den Lautsprecher leiser stelle. Mit dem nächsten Satz nahm der Affe auf meinen Schultern schutzsuchend Platz und stülpte mir seine langen Finger in die Ohrmuscheln. Ich kraulte ihn und fiel meiner Mutter ins missverständliche Wort: „Ich hab‘ das scheiß Handtuch nicht!“ Der Affe jaulte. „Nee, echt jetzt, Klappe zu, Affe tot, verstehst du, Mama?!“
Kurze Stille zog sich wie kalte Rauchschwaden über uns. Oh Gott, dachte ich, jetzt weiß sie auch noch vom Affen. “Du sucht jetzt das Handtuch und… ihhhhhhhhhh, ähhhhhhhhhhhh, orrrrr neeeeeee, sag‘ mal, hast du mir gerade auf den Teppich gepisst?“, schrie sie durch den AB. „Nein, habe ich nicht!“, schrie ich zurück.„Nicht du, ich rede mit der Katze! Böse Katzi, ganz, ganz böse Katzi!“ Dabei entfernte sich etwas ihre Stimme, um dann urplötzlich wieder omnipresent über unsere Köpfe zu schwadronieren! „Und du auch! Bessere dich und jetzt geh‘ das Handtuch suchen!“ Ich hörte noch eine längere Zeit dem Auflege-Piepen zu.

Aus dem geschmolzenen Zwiebel-Vanille-Eis machte ich noch zwei hippe Bananen-Milchshakes und ließ mich bis tief in die Nacht vom Gedankenaffi lausen, dann fiel mir Helga ein und ich bemerkte, dass erneute Blinken meines AB: „Sie haben eine neue Nachricht, erste neue Nachricht: „Huhu, Helga hier, ihr glaubt nicht, was mir passiert ist: Ich hab‘ eine ganz andere Nummer gewählt und ich konnte euch nicht erreichen. Ruft mal zurück!“, der Anrufer hat keine Nummer hinterlassen.“ Schade, hätte irgendwie gern Helga die Nummer meiner Mutter gegeben. Auf jeden Fall ändere ich meinen Anrufbeantworterspruch demnächst in „I’m on a highway to hell“ um.

Gegeiselt von Erreichbarkeit fiel mir Jule wieder ein, die ich zurückrufen sollte und wollte, und ich fragte mich, wo ich mein Smartphone zuletzt gesehen hatte. Statt es zu suchen fiel ich in einen kurzen Dämmerzustand, im Hintergrund hörte ich den Gedankenaffen in seiner Patenstimme mit jemandem am Telefon reden. „Helga, hier ist Heinz, ich habe dein Hundehandtuch, sag‘: Was ist es dir wert?“

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520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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