Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Weihnachtsamnestie vs. Weihnachtsamnesie“

Verschwörungstheorie theme

Es war kurz vor dem Weihnachtsgeläut und überall lag Orangenzimtduft in den Geschäftspassagen verziert mit güldenem Papier umwickelten Quadern und Rechtecken. „In mir ist dein schönstes Geschenk.“, frohlockten sie… damals war der Affe gerade mal vier Monate da. Lang genug um zu begreifen, er würde nicht so schnell verschwinden, im Gegenteil, wir waren bereits ein eingespieltes Team. Zu kurz um ihm meinen Sinn für Weihnachten näher zu bringen. Vor einer Stunde warf ich ihm an den Kopf: ohne Gnade, Friede und Liebe würden alle aussterben und als erstes der Weihnachtsmann, dann die Bananenplantagenbesitzer und daraufhin natürlich alle Primaten. Er saß in der Ecke des Wohnzimmers mit dem Rücken zum Raum, versuchte mich zu ignorieren.
„Also…“ sprach der Gedankenaffe, holte tief Luft und ich lauschte auf.
„Es gibt sie, die Weihnachtsamnestie.
Die Gnade vor Recht. Spende Brot für Afrika.
Doch Afrika spendet kein Brot zurück, oder doch?
Für die verdreckten Westentaschenlöcher.
Einst sibirischer Kälte trotzend und mit kubanischen Orangen frotzend
kam der Nikolaus aus Russland im weißen Gewand und Mitra und das seit 1000 Jahren schon.
Der hatte noch Taschen gefüllt, nun hängen sie schlaff und ausgehöhlt
stumm nebeneinander wie Sardinen eingeölt.
Ein Ozean der Lichter, mehr Schein als glückliche Gesichter.“ – „Jetzt mach aber mal ’nen Punkt!“ Als ich den Schwippbogen mit Rentier aufstellte, begann das alljährliche Lamentieren. Diesmal kam es nicht von mir. „Lametta wäre mir auch lieber.“, sagte ich vorwurfsvoll, doch es dauerte keine Sekunde, bis mir der Gedankenaffe verbal seine Zunge um die Ohren schlug und zwar neunmalklug.
„Lametta hat man früher noch gebügelt und wieder verpackt aufbewahrt…
es durch eine Perlenkette zu ersetzen ist amerikanische Schickimickiart,
dein Rentier da gibt Fragen auf? Do Bob Geldof know it’s not Cristmas time at all?“

„Ich versteh nicht, was du gegen Rudolf hast, nur weil er schwul und Alkoholiker ist?
Überleg‘ mal, wie du dich fühlen würdest, wenn dein Arbeitsvertrag auf einen Tag im Jahr befristet wäre?“
„Ach ja?“
„Ja“, trotze ich und fand, dass es wohl eine der bisher merkwürdigsten Momente unserer bisherigen gemeinsamen Zeit war, ich hatte ja auch null Ahnung, was da noch folgen sollte.
„Wenn es ‚Rudolf‘ ist, wieso hat es ein Geweih dann auf?
Ist er etwa eine ’sie‘, denn weibliche Rentiere verlieren ihr Geweih im Winter nie…
oder, wart mal, hey, was ist da für ein grausames Ritual passiert?
Ist Rudolf etwa kastriert?
Ist der Weihnachtsmann nicht eine Erfindung der amerikanischen Industrie,
18 Prozent Jahresumsatz lautet das Ergebnis der…“
„Schluss jetzt, keine Reime mehr!“, schrie ich ihn an, so dass sein Fell sich flachlegte. „Hast du dir das jetzt alles in der Stunde ausgedacht?“
„Wie, den Weihnachtsmann ausdenken?“, kluckste er.
„Nix wie, ich hab schon wieder vergessen Weihnachtsgeschenke zu kaufen!“, und er so:
„Ich sag‘ doch: Weihnachtsamnestie! Geschenkewahn, Geschenkewahn!“
Es klingelte und ich dankte meinem Retter und fing gleichzeitig an zu beten, möge es nicht Frau R. sein von ganz dicht nebenan. Wer weiß, welche Verschwörungstheorie sie diesmal anbringt. Als damals die Bässe bei ihr ‚deutlich zu hören‘ waren, war es ’sublimale Beeinflussung ihrer Lebensstrategie‘, seitdem hör‘ ich ohne Bass Musik. Dass mein Türvorleger satanische Botschaften enthielt, war schon heftiger. Wer konnte denn ahnen, dass mein Peace-Zeichen-Vorleger mit dem Untertitel ‚Welcome World‘ ein Hinweis auf die neue Weltordnung ist und ein zerbrochenes Kreuz darstellte?
„Bitte entfernen sie das Nerokreuz im Eingangsbereich.“, informierte mich Frau R. schriftlich. Bis ich erstmal rausfand, was sie meinte und wie ich dann ein Hoch auf die Friedensbewegung bei ihr aussprach, klingelte Tage später ein Bekannter von der Antifa bei mir und fragte mich, wie ich mich denn nun zur neurechten Bewegung distanziere. „Quer und horizontal, immer diagonal vertikal auf Abstand vorbei.“, war ihm einen genügende Antwort. Ich habe bis heute die israelische Flagge nicht ganz verstanden, die er bei sich trug, ansonsten war er nett. Das war an einem Montag. Und dann kam angeblich der süßliche Bananengeruch zu ihr durch die Steckdosen, seitdem besitze ich luftdichte Steckdosen. Ja, so etwas gibt es, und meine Mikrowelle darf ich nur noch einmal die Woche bei klarem Himmel benutzen wegen der Strahlenbelastung. Hab‘ ich erwähnt, das W-Lan kommt bei ihr auch durch die Wand, deswegen muss es nach 22:00 Uhr aus sein. Scheinbar war es nicht nur eine neue Weltordnung, die nebenan herrschte, das war komplett Neuland und nicht weit von Niemandsland entfernt. Es klingelte erneut.
„Weihnachtsamnestie.“, schallt es aus dem Off. „Das heißt Weihnachtsamnesie, du Blödvogel!“ – „Ganz schwach, ich hab‘ über 60 Schimpfwörter zu Affe in einer eurer Onlinedatenbänke gezählt und das ist alles, was dir einfällt: Blödvogel?“
Ich hielt kurz inne: Oder es ist Jule und dann muss ich sie reinlassen, muss Kaffee mit Zuckerschiffchen machen und zuhören. Muss Olaf scheiße finden. Muss mich von allen Machomännern distanzieren. Mir reicht doch für heute der Affe. Kurz überlege ich mich vorübergehend tot zu stellen, öffne aber nach dem Kopfszenario, es könnte die Feuerwehr sein, doch.
Es war der Wächter. Eigentlich Jürgen Wächter, doch für alle nur ‚der Wächter‘, eigentlich zurzeit in Bielefeld in Haft, denn wer zweimal schwarz fährt und nicht bezahlt, wird dann auch schon mal abgeführt. Freude und Angstschweiß steht mir auf der Stirn. „Bist du ausgebrochen?“, von all‘ meinem Bekannten der einzige, dem ich jegliche Handlung unterstellen könnte.
„Na klar und dann hab‘ ich stundenlang überlegt, wo ich mich verstecken könnte, ich hab die 40 Salafisten aus der Höhle gleich mitgebracht, mach‘ mal Platz und hol‘ die Weingläser!“
Er schob sich mit seinem rübezahlähnlichen Körperbau durch meinen Flur ins Wohnzimmer auf die Couch. Vorsichtshalber schaute ich noch mal um die Ecke, da stand allerdings nur Frau R. Mit weit aufgesetztem Blick. „Frau R., schön, dass ich sie hier zufällig treffe.“, sage ich und: „Geht es denn besser?“
„Salalalafisten.“, setzt sie an: „Da muss man was machen. Die wollen uns Weihnachten verbieten.“ „Ja,“, sagte ich: „Weil es die Illuminaten erfunden haben, stimmt`s?“ Frau R. bekreuzigt sich und bestätigt mir mit Kopfnicken die absurde Machenschaft der DIMs dieser Welt. Mit Kopfschütteln kehre ich zurück, währenddessen hatte der Wächter aufgedeckt. Neben dem Tisch hing der Affe mit tropfendem Zahn. Eine Frescobaldi-Flasche schwenkte vor meiner Nase. Zwei weitere standen auf dem Tisch: „Toscana… rot und trocken, wie du es liebst. Brombeere, Heidelbeere, Johannisbeere, Kirschen, Datteln und Pflaume mit balsamierten Kaffee-Schoko-Vanille-Aroma-Gedöns, check‘ die verdammte, florale Note im Bukett.“, er wedelte mit seiner großen Hand über dem Flaschenhals. Ich besann mich auf Gläser, denn der Wächter mochte alles über Wein wissen, jedoch von Kultur hielt er nicht viel. Außer Esskultur, da nannte ich ihn heimlich ‚den Meister‘. Auf dem Weg zur Küche hörte ich den Menüplan, der in gleichem Maße nach Revolution und Frieden klang. Frisches Brot, dazu einen Pecorino mit Trüffelaroma. Gefüllte Oliven, Hummerbutter und einen 27 Monate gereiften Schinken. Zum Nachtisch ein Triple-Chocolate-Soufflé.
Während ich mich von der Vorfreude erholte, besann ich mich meiner Fragen: „Ja, aber nun sag‘ an, ich hab‘ erst Januar mit dir gerechnet!“ – „Gut geführt ist halb gewonnen… ich wurde eher entlassen wegen der Festtage, man nennt das Dingens ‚Weihnachtsamnestie’“ – „Hohoho, hört, hört!“, äffte der Affe. Ich warf ihm einen bösen Blick zu.
„Und seit wann ist er da?“, fragte der Wächter und zeigte auf den Affen…
Ich hielt den Atem an: „Sag bloß, du kannst ihn auch sehen?“ – “Ihn?“, fragte der Wächter.
„Mich?“, fragte der Affe. Mir wurde schwummrig und ich schnappte nach Luft.
„Den Affen“, japste ich.
„Geht´s wieder los? Soll ich dich halten? Wieder die Affentheorie? Reiß‘ dich jetzt mal zusammen, ich rede von dem Weihnachtselch da!“ – „Siehste, siehste, siehste!“, feuerte der Affe hinterher. Ich überspielte die merkwürdige Situation „Ha, ich will ja nicht affig sein, aber das ist ein Rentier, ein weibliches Rentier und das ist meine Tradition! Dieses Jahr gibt’s kein Schickimicki und keine Geschenke, verstehste?!“ – „Verstehe, ganz normales Poker, wie immer!“, antwortete mir der Wächter. Alles war wie immer, ich wähnte in meinem Glaubenssatz schon 1000 heilige Lichter.
Der Affe und ich lächelten um die Wette und ich fing an, es mir schmecken zu lassen. An diesem Abend musste ich nicht mehr über Geschenke, Brot für die Welt oder meinen leerstehenden Kühlschrank nachdenken… ich dachte gar nicht mehr und bald nach Speis und Trank verfiel ich in ein Fresskoma. Monate später erzählte mir der Wächter, was noch alles geschah in dieser Nacht… allerdings ist dies eine andere Geschichte.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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