Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Poetryslammer, die kotzende Schmetterlinge lachen sehen“

Verschwörungstheorie theme
„Ist Ulf schon da?“
„Wer ist Ulf?“
„Na einer der Poetry-Slammer von heute, Eineinhalb Worte nennt er sich.“
„Ach ja, nee, der hat aufgehört, ähm, also, dem ging es nicht so und nun ist er heim.“
Ich schaute mir die junge Frau an. Blond, Korb groß, spitze Nase, volle Lippen, riesige, traurige Augen. Auf ihrer Jacke tummelten sich 101 bunte Schmetterlinge.
„Schade, das war mein Kindergartenfreund und ich hab‘ ihn nie vergessen und wenn wir schon mal zufällig in einer Stadt sind…“
„Das Schicksal ist manchmal eine Bitch.“, sagte ich aus Versehen laut. Doch dann fiel mir ein, Ulf wollte sich besaufen gehen und, na ja, weit konnte er nicht sein… ich schickte sie in die Kneipe nebenan. Ein paar Minuten später war sie ohne Ulf, aber sturzhacke, wieder zurück. „Uuulf war nüch‘ da, aber voll nette Leute da drüüüüben.“ Okay, das war nicht die beste Idee: Kommt ’ne Blondine in ’ne Bar und sucht nach einem Ulf. Ich schlug vor, sich die übrig gebliebenen Slammer anzuschauen. Dann beschloss ich eine Pause einzulegen und den Jackenhort zu schließen. Gerade in diesem Moment rückte Ernst August van Stünz sein Papier und seinen Brillenrand zurecht, dann fixierte er seinen Blick oberhalb der Köpfe im Publikum direkt hinten an der Wand und begann mit seinem Beitrag.

„Boom boom! Bombe hoch Krieg.
Ich falle falle hin.
Boom Boom! Bombe hoch Krieg.
Für die einen Niederlage der anderen Sieg.
Kleine Kinderarme getrennt vom Körper.“
Vereinzeltes Husten ertönt im Raum. Madame Butterfly dreht sich angewidert zu mir. Ich versuche mit Stirnrunzeln und Mundwinkelabgleitung zu antworten.
Doch August van Stünz setzte erbarmungslos fort.
„Sieh an, sieh an!
Orte wo Du mit güldenem Schuhwerk Gedärme zertrittst
und Augen so sanft wie Gummitier.
Blut an deinem Schuh: kuckerigu kuckerigu.
Boom boom! Bombe hoch Krieg.
Ich falle falle hin.
Boom Boom! Bombe hoch Krieg,
für die einen Niederlage der anderen Sieg.“
Es wurde unruhig und unbehaglich, das Schmetterlingsjäckchen beugte sich in Zeitlupe nach vorn und übergab sich direkt neben dem DJ am Pult, der starrte gebannt auf Augusts Lippentremolo.
„Boom Boom Bombe hoch Krieg… als ich noch Kind war.“, er bemusterte alle in der ersten Reihe eindringlich, dann stoppte er bei Madame Butterfly und holte tief Luft.
„Stille, Vögelgezwitscher, Sonntags in der Kirche am Kreuze der heiligen Mutter und plötzlich. Boom Boom.“
Neben mir begann sich ein älterer Herr Notizen zu machen. Wahrscheinlich ein Bekannter von Frau R. Ich beschloss Mariposa, die immer noch würgte, zu helfen und begleitete sie zu unserem Sanitärbereich, um mich anschließend meiner kuscheligen Höhlengarderobe zu widmen. „Poah.“, brach es aus dem Innenraum der Toilette und Mariposa raus: „Der Typ ist krass, muss ich unbedingt im Netz posten.“ – „Hm, verstehe…“, antwortete ich. „Hashtag: VollZumKotzen.“ – „Haha, du bist auch voll cool, ich hab‘ den Club und euch echt gern.“, dann würgte sie erneut und ich fand, es hörte sich ein bisschen an, als würde sie nach Ulf rufen. Von draußen ertönte Applaus, scheinbar war von Stünz fertig. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Schmetterling bald wieder fliegen würde, eilte ich in mein Jackengefängnis. Dort sammelten sich auch schon die ersten Ungeduldigen. Eilig gab ich Taschen und Jacken blassen und stummen Personen – van Stünz hatte gestünzt, nichts für schwache Gemüter. Danny schaute kurz vorbei und meinte: „Guter Beitrag, guter Junge. Nachher noch ein Raucherpäuschen?“ Ich schleuderte ihm ein: „Jemand hat neben den DJ gekotzt!“, zurück. „Der spielt doch gar nicht?“, jonglierte er seine Phrase über die Köpfe der Jackenjäger und verschwand in der gestünzten Menge. Gerade als sich das Schmetterlingsjäckchen aus dem WC schälte, begann der zweite Künstler seinen Beitrag.
„Einhörner sind Arschlöcher!“ Er machte direkt eine Pause um einen Schluck seines Hipstersgetränks zu genießen, das Publikum applaudierte tosenden Beifall. Ich fühlte eine brandende Bestätigung aufkommen. Einer der gehenden Gäste kehrte schlagartig wieder um, warf mir seine Jacke zu und meinte: „Ich nehme das Gleiche noch mal!“, während er Richtung Publikum strömte.
„Wenn ich mit meiner Freundin Sex will, will Sie nicht und umgekehrt.
Und ins Fitnessstudio geh‘ ich aus Prinzip nicht. Ich bin Stahl, ich bin Krupp und auf meine Stange passt auch ohne Verlängerung viel druff.“
Jetzt bekam er Wellen von männlichen Bestätigungsgrunzgeräuschen zugesendet. Dabei wischte er sich die verschämt gutaussehende, blonde Haarwelle vom Gesicht und zwinkerte Ulfs Kindergartenfreundin bei einem weiteren Schluck Mate zu.
„Fleischfarbenes Silikon für Brustimplantate, damit es nicht durchscheint, Zahnpasta in Regenbogenfarben, ein Softdrink mit Minze und Tonkabohnenaroma, all‘ das würde ich für Frauen erfinden, um sie an mich zu binden.“ Nach diesem Satz trat der DJ mit der Faust erhoben einen Schritt nach vorn: „Yeaaaah.“, brüllte er dazwischen ohne zu unterbrechen.
„Der Monarch muss doch nicht gerettet werden, sondern der Luxus!
Diamanten, Gold und seidene Fächer, noch und nöcher,
eins und keins ist ganz legal, Marcel Davis ist schon da und weiß,
Einhörner gibt es wohl… aber: sie sind Arschlöcher!“
An mir flog ein Schmetterling vorbei… „Armer Schmetterling“, dachte ich und sprühte ein bisschen Exotic Brise hinterher.
Der Blick auf die Uhr erlaubte mir, Luigi eine SMS schicken: „Fast geschafft!“
weiter zu #13 „Jule ohne Olaf“
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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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