Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – Was nicht in der Zeitung stand: Wie ich den Wächter kennen lernte

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Hofpartys sind ja ein urbanes Phänomen, welches völligst überholt wurde von Straßenfläzerei, Park- und Brückenvandalismus. WG-Partys, die sind ja immer hip und out zugleich. Ich hasse WG-Partys! Irgendwas zwischen Babykost und Darkroom. Da sind die guten alten Hofpartys die ewig Gestrigen. Damals, so kann ich Euch berichten, waren sie es, die meine sommerliche Kultur prägten, in Vorbereitung auf mein Psychologiestudium zog ich quasi von Hof zu Hof. Selbstgemachtes und Gegrilltes. Literweise billiger Wein oder manchmal auch Edelgesöff, dessen Farbe keine Rolle mehr spielte und alles, was stabil genug war sich in der Dunkelheit im Block zu zeigen, saß, stand, lag oder tanzte rum. Dazu die Freiheit jederzeit unbemerkt in die Nacht zu flüchten. Bei einsetzender Dämmerung schlich ich mich durch die aufgeheizten Viertel und spähte nach wirrem Lachen und Grillaromen. Es war ein lauer Augustabend, und eine halbe Stunde Fußweg von meiner Wohnung entfernt, witterte ich eine Spur. Ich schlich mich schon lange nicht mehr von hinten an, ich suchte stets den Frontalangriff und entschuldigte mich stets mit: „Sorry, hat etwas länger gedauert.“ – Irgendeiner reagierte immer.

Das brachte mir mal die reichlich bescheidene Situation ein, einen Abend lang Ingrid zu heißen. Mein Namenspate war irritiert, mich „ausgerechnet hier“ zu treffen, da ich ja eigentlich die Affen auf Papua-Neuguinea pflegte. „Rhesusfaktor“, antwortete ich ihm etwas unüberlegt: „Alle tot!“ Ich dachte, ich flieg sofort auf. Als eindeutig keine „from-the-block“, und dass seine Freundin mir gleich vorwirft, dass ich kein Anrecht hätte ihre Babybilder anzuschauen, doch er stand auf und schlug mit einem unbearbeiteten Holzanhänger, der an seinem Schlüssel hing, mehrmals gegen sein Glas: „Hört mal, es geht um die Affen, die Ingrid hat mir da gerade etwas total Furchtbares erzählt…“ Wir legten geschlossen eine Trauerminute ein, während das Stück Schokokuchen, welches ich mir gerade so ergattern konnte, genüsslich in der Hand schmolz.
„Mensch, Ingrid…“, fiel mich ein kräftigerer Typ von der Seite an: „Nischhhhhh, dass wir jetzt noch wegen dir hier ’ne Familienaufstellung machen!“, sein Atem war durchzogen von Knoblauchessenz und Südhang. Ich wollte ihn fragen, wie er darauf käme, doch im Augenwinkel vernahm ich, wie die ersten bereits einen Kreis bildeten. „Na, jetzt ist alles zu spät.“, stöhnte meine neue Bekanntschaft, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich weit gegen die Rückenlehne des Holzstuhls. „Könnte doch spannend werden.“, warf ich ein. „Ingrid, kommst Du bitte mal dazu?“
Neben mir brach der Stuhl gemeinsam mit seinem Besetzer nieder und erneut Stille ein. Ich rieb mir eine Sangriaspur von der Wade und versuchte dem ungehobelten Typ wieder auf die Beine zu kommen. „Die meinen dich!“, flüsterte er. „Du musst dich aufstellen!“ – „Dito.“, flüsterte ich zurück, half ihm, den Stuhl halbwegs zu reparieren, und begab mich in die unbekannte, familiäre Runde. „Du bist bereit?!“, fragte mich der hölzerne Anhänger. – “Nun ja.“, stammelte ich und wurde zunehmend nervöser, was nun auf mich zukommen sollte. „Karl und Alex sind die Leiter der Pflegestation. Ursel, Geli, Stümpi, Bettina, Hedwig und Heiner machen die Affen.“ Mir fing es an Spaß zu machen. „Ingrid ist Ingrid.“
Mir wurde schwindelig, das Spiel begann.

„Ingrid, beschreib‘ uns das Verhältnis, wo stehen die Affen?“ Ich platzierte sie frei im Gehege. Die Chefs dazwischen. „Alle tanzen und sind glücklich.“, sagte ich nun etwas bestimmter. Die Affen und Pseudopfleger begannen zu tanzen und durchdrängt von Uhuh-Rufen rief mir der Stellungsfreak zu: „Und wo siehst Du dich?“ – „ Mittendrin!“, schrie ich durch das Affengejaule. „Na dann.“, forderte er mich auf und wiederstrebend bewegte ich mich in die Mitte des Affenzirkus. „Und der Stefan ist der Virus!“, dirigierte uns der selbsternannte Therapeut.
Ein korpulenter Typ mit rotbraunen Haaren und viel zu vielen Sommersprossen setzte sich in fließende Bewegung. Mit schrillem Ton berührte er jeden Affendarsteller, der daraufhin kreischend zusammenbrach. Von der Seite wurde weiter alles kommentiert. Plötzlich unterbrach uns eine laute Stimme: „Die Affen raffen zu schnell dahin. Das geht viel langsamer, ihr Noobs!“, schallte meine neue Bekanntschaft vom brüchigen Stuhl herüber. „Okay, Stefan, nochmal auf Anfang, alle Affen nochmal lebendig, und: Go.“ Ich kam mir vor wie im ‚Planet der Affen – das Theaterstück‘. „Rhesusstefan, und: Bitte!“ Erneut quietschte der Virus die Affenbande um, diesmal in Zeitlupe. Bis alles verstummte. „Und wir?“, fragten mich zwei meiner Pfleger. „Panisch.“, gab ich kurz zur Anweisung und es schien, als täten sie nichts anderes als pure Panik zu simulieren.

„Karl und Alex, ihr macht das sehr überzeugend. Und du, Ingrid, wie fühlst du dich jetzt?“ Mittlerweile hatten sich alle Gäste um uns versammelt, aus Hofparty wurde Hoftheater, meine Rolle heute: die Ingrid in ‚Wer hat die Kokosnuss geklaut!‘ – „Ich fühle mich verloren wie auf einer Insel umgeben von Land.“, die ersten applaudierten im Hintergrund. „Und was ist mit der Panik?“ – „Ich steh‘ unter Schock, ich höre nichts, sehe nichts und sag‘: Die Affen sind tot!“ Ein Holzstuhl klappt zusammen. „Alles okay, ganz normales Poker.“, gibt der erneut eingebrochene Sangriawaldmensch auf dem morschen Thron von sich. Und fügt ein: „Komm schon, Ingrid, lass es raus!“, hinzu. Das Publikum stimmt ein. „Vielleicht sollten wir dich trösten?“, meint Karl und mir laufen Schauer über den Rücken, jetzt wo ich Karl und Alex aus der Nähe betrachte. „Ihr sterbt auch!“, zische ich ihm zu. Woraufhin Stefan aus dem Off eine Anweisung bekommt. Und kreischend, langsam die Chefs der Affenpflege auf Papua-Neuguinea umnietet. Während eine der Affendarstellerinnen zu winseln beginnt und ich ihr instinktiv das Köpfchen kraule, bestärkt mich der Aufstellungsexperte: „Gut, nimm Abschied, lass es zu! Was nun?“ – „Ich komm‘ irgendwie aus der Nummer nicht mehr raus!“, hör‘ ich mich laut sagen. „Wie? Du bist eingeschlossen?“, fragt er mich mit leicht dramaturgischer Aufgebrachtheit. „Das ist so furchtbar!“, sagt ein piepsige Frauenstimme aus der Dunkelheit.

„Komm schon, Ingrid.“, lallte es erneut aus der ersten Reihe und ein Schwappser orangierter Rotwein flog in die Szene über den letzten, lebenden Affen, den man bereits mit einer weißen Tischdecke abdeckte. „Man, sind die gut.“, dachte ich mir. Wollte aber dennoch nichts wie weg. “Jemand muss sie retten!“, tönte es erneut piepsig von der Seite. Ich versuchte sie auszumachen und blieb erneut in der ersten Reihe hängen. Ich schaute den Waldmensch genauer an. Groß, breite Schultern, sein Gesicht sprach Bände und seine Augen blitzten stahlblau hinter betrunkenen Lidern hervor. „Der ist keiner von denen.“, schoss es mir durch den Kopf. Der ist genauso hier und wacht über die Situation außenstehend, unauffällig auffällig, aber er ist da. „Der Wächter.“, stammelte ich und zeigte Richtung Sangriabruchstelle in der ersten Reihe. „Na logisch, der Wächter. Gut, das machen wir, kommt schon, wir haben es fast.“, forderte der Dompteur uns heraus. „Er hat erst den Elefanten erschlagen!“, werfe ich übermütig hinterher. „Gut, sehr gut. Wächter, erschlag den Elefanten!“ – „Sagt mal, ist das euer Drecksernst, soll ich mal bei euren Pflegern anrufen?“, brunfte der Wächter auf. „Ihr habt sie doch nicht mehr alle!“ – „Die Pfleger sind tot, los erschlag den Elefanten!“ – “Warum!“ – „Er hat Rhesus und steht mitten im Raum!“, schrie ich ihn nervös an und wollte doch nur gerettet werden. „Okay, so, zack, erschlagen!“, dabei ließ er seinen Arm einmal von oben nach unten fallen. „Unglaublich.“, zischte es aus dem Publikum und: „So, und nun rette sie!“ – „Und wie wollt ihr das haben?“, fragte der Wächter. „Tragen, tragen, tragen!“, ertönte ein Stimmenchor.
Er beugte sich zu mir herunter und hüllte mich erneut in die Knobi-Alk-Fahne: „Ingriiid, was soll der Scheiß?!“ – „Ich kann nicht mehr, hol mich hier raus.“, hauchte ich. „Erst wenn du zugibst, dass du den Rhesusquatsch erfunden hast und an SV 40 leidest.“ – „Hör‘ mal, ich heiß nicht mal Ingrid! Hol mich hier raus!“, fauchte ich diesmal. „Das ist ja noch besser, als ich dachte“, freute er sich. Daraufhin packte er mich mit einem Schwung über seine Schultern und drehte sich zum Publikum. „Die Ingrid ist krank und muss nun in Quarantäne und der Althippie dahinten, nennen wir ihn Lederpeter, hat noch die ein‘ oder andere vegane Wurst auf’m Grill und war beim Woodstockfestival, hier gibt es also noch was zu holen, Ingrid und ich sind jetzt weg, adieu.“

Eine gefühlte Ewigkeit lang hörten wir die tosenden Applauswellen hinter uns. Ich meinte sogar Zugaberufe vernommen zu haben. Wir besorgten uns ein kühles Bier an der Tankstelle gegenüber und ließen uns auf dem Bürgersteig nieder und er meinte: „Mein Name ist Jürgen, Jürgen Wächter.“ Irgendwann sagte er, es hat ihn genau 100 Hofpartys gebraucht mich zu treffen, alleine das wäre es wert gewesen. Ich seh‘ es auch so, im normalen Leben wären wir wohl aneinander vorbeigelaufen.

Wenn nicht ausgerechnet jemand an diesem Wochenende den Auftrag gehabt hätte in der wöchentlich erscheinenden Stadtzeitung über Hofpartys zu berichten, wäre mein Hobby nicht schlagartig eingefroren. Der Artikel erreichte mich online. An und für sich ein zutreffender Artikel: „Warum Ihnen Hoftheater gefallen wird!“. Allerdings hatte er auch ein großes Bild von Ingrid und der Affenbande in Aktion eingebunden. Meine Kritik war sehr gut. Meine Deckung futsch Auf der vorletzten Seite im Weltbericht war ein Abschnitt über Affenversuche auf Papua-Neuguinea, wusste gar nicht, dass die Insel so groß ist.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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