Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Affentheorie #2, Es geschah an einem elften September“

Verschwörungstheorie themeEs geschah an einem elften September: „Ihr stammt ja alle vom Affen ab!“, schlug mir der Gedankenaffe entgegen, als er kurz seinen Bananenvorrat auffrischte. „Ja.“, stimmte ich gelangweilt zu und kratzte mir ungelenk unter der Achsel. „Ich sehe, du verstehst mich.“, murmelte der Affe, mir fiel auf, dass ich ihn nie nach seinem Namen gefragt hatte. „Wie heißt du eigentlich?“, rief ich ihm ins Arbeitszimmer hinterher. Es kam keine Antwort. Seit Tagen hatte er sich nun in diesem Raum eingerichtet, verlangte dutzende Pakete von Haftnotizzettel in den Farben Regenbogen ohne violett. Er tapezierte mein Büro mit den Dingern und schrieb kryptische Zeichen und Skizzen auf die Mosaikteile. „Die Infos alle ins Licht bringen.“, wie er sagte. Die Aktion, das Zimmer als Büro umzufunktionieren statt als begehbaren Kleiderschrank mit Funkaroma zu nutzen, kam mit dem Studium. Wahrscheinlich war die Renovierungsumgestaltung das einzige, was ich durchgezogen hab‘ in meiner kurzweiligen Studienzeit. Vielleicht hätte ich die Diskokugel nicht hängen lassen sollen. Jetzt wurde der Raum wenigstens Mal zu seinem Zwecke genutzt. Und zu gern würde ich wissen wollen, was er da drinnen nun studiert.

Einmal versuchte ich mir, als er schlief, ein Bild davon zu machen. Auf Fußsohlen stahl ich mich Nachts gegen Vier in den Raum, doch ehe ich ein Blick auf das Wesentliche erhaschen konnte, stand er hinter mir. Mir fiel glatt die Taschenlampe aus der Hand. „Als Gaia noch glühte,“, drohte er mir: „Da kamen die Reptos zu uns!“ Ich begann zu lachen, denn ich hatte noch nie zuvor einen schlafwandelnden Affen erlebt. „Bist du dir da ganz sicher!?“, fragte ich ihn mit der Stimme meiner ehemaligen Französischlehrerin Frau Bindeisen. Bindeisen nahm uns alle so ernst wie Fünfjährige, die einen Kindergartenausflug unternehmen. Nur waren wir schon pubertierende, stinkende Halbstarke, die meistens dafür sorgten, dass Bindeisen heulend die Klasse verließ und uns als „Böse“ einstufte, waren wir auch. „So sicher wie die Arier von ihrer Herkunft vom Aldebaran überzeugt sind!“ Ich überlegte ihm schnell ein kleines Hitlerbärtchen aus Panzertape zu zaubern, so etwas muss man doch youtuben.

Ich versuchte es weiter mit der Bindeisenmethode. „Na, ist es nicht ein bisschen spät, Nazi zu spielen?“ – „Sicher.“, fauchte er mich an: „Wenn du hier nicht Schnüffeldienst spielen würdest, hätte ich dazu auch wenig Lust!“ Das krasse war, ich fühlte mich tatsächlich ertappt in den eigenen vier Wänden. Irgendwie wirkte der Affe auf einmal bedrohlich und ich entschloss mich dazu, selbst diejenige zu sein, die schlafwandelte. Ich fuchtelte wild vor seinen Augen rum und flötete: „Vielen Dank, Sir, für das Erdbeereis, von der Sahne war es ein bisschen zu viel!“, mit diesen Worten schlich ich mich die Hände weit nach vorn gestreckt aus meinem Arbeitszimmer. Doch das hinterhältige Getier folgte mir und ließ nicht locker: „Erdbeereis? Mit Einhornkrümmeln etwa?“ – Ich beschloss ihm singend zu antworten: „I just call to say … ?“
Dabei sprang ich in mein Bett, doch er hockte bereits auf meinem Kopfkissen und meinte: „Mal angenommen, nur mal angenommen, ja, dieser Hitler wäre zum Anfang seiner politischen Laufbahn von so einem Tiefenpsychoanalytiker behandelt worden, hätte sich noch mal an einer anderen Kunsthochschule beworben und fünf Jahre Therapie gemacht.“ – „Hm, dann hätte das vermutlich ein anderes Arschloch getan.“, schleuderte ich ihm entgegen.
„Und, nur mal angenommen, den hätte man auch resozialisiert und den nächsten auch?“, er sah mir fragend in die Augen und fügte hinzu: „Los, komm schon, kombiniere!“ – „Du meinst, dass die Arschlöcher noch nie friedlicher wurden durch die totale Ablehnung?“ – „Richtig, und auch nicht durch totale Zuwendung, sie müssen quasi wieder lernen, sich selbst auf den Boden der Tatsachen und Gemeinschaft zu lieben und dann auch geliebt zu werden.“
Ich war hellwach und sprachlos und musste noch lange über seine Feststellung nachdenken.

Ich versuchte seitdem nicht, erneut einen Blick auf sein Verschwörungsmosaik zu erhaschen und beschränkte mich aufs Nachfragen.
„Was macht denn deine Recherche?“ – „Fast zu Ende…“ – „Und dann?“, er wirkte verstimmt und druckste rum, er müsse mal schauen, wäre ja auch alles heikel. Meine Fragen, warum und weshalb, wurden nach der Bindeisenmethode abgewickelt. Sein Lieblingssatz dazu war: „Erfährst du schon noch linkszeitig!“ Und ich verstand ihn nicht.

Zunehmend machte ich mir mehr Sorgen. Tatsächlich faltete er Hipster-Aluhüte, indem er die Folie mehrfach unter Basecaps schichtete, für mich und sich. Er meint, es wäre ein ernsthafter Schutz vor der Strahlung. Ich fand irgendwie, dass es vielleicht schon zu spät für Prävention ist. Vielleicht sollte ich ihn rausschmeißen, den Affen der Nachbarin vor die Tür setzen? Doch irgendwie war ich an ihn gewöhnt. Er war da, wenn ich heimkam, konnte fantastisch kraulen und manchmal waren seine Theorien so interessant, dass ich fast alles um mich herum vergaß. Das blöde war, außer mir sieht ihn niemand. Ich fragte nie, weil mich nie jemand fragte: „Hey, was macht der Affe hier?“ Und vielleicht hätte ich dann auch gefragt: „Welcher Affe?“

„Willst’e mir nicht mal sagen, wie du heißt?“, versuchte ich es zum wiederholten Male.
„Es gibt Menschen, die sich seit 1970 mit Gedankenkontrolle beschäftigen!“
Es war scheinbar zwecklos, so schien es mir, doch er hatte schon wieder an Fahrt aufgenommen. „’M… O… N… T… A… U… K-Projekt‘ – kannst’e mal nachlesen.“
Ich schüttelte den Kopf: „Nöö, mag ich nicht!“
„Kannst’e aber. Aera 51 stand zu Beginn der Neunziger noch in keiner Karte verzeichnet! Konntest’e nicht nachlesen quasi!“
„Was hat Area 51 jetzt mit Gedankenkontrolle zu tun?“, fiel ich ihm ins Wort.
„Gute Frage, aber warum besitzen die Chinesen ein staatliche Abteilung namens ‚Büro 610‘ für die Verfolgung friedliebender Menschen?“ – „Wer behauptet das?“
„Die ‚Falun Gong‘, eine religiöse Bewegung mit angeblich über 3000 Opfern in den letzten 15 Jahren.“
„Eine Sekte?“, stellte ich fest. „Das ist jetzt deine Verschwörungstheorie, ich hab‘ den neun Tage langen Kultivierungsprozess mitgemacht, chinesische Kultur vom Feinsten. Solltest du auch mal probieren!“ Wir stellten uns stundenlang Fragen und Antworten.

Eines Nachts meinte der Gedankenaffe: „Günther Klaus, mein Name ist Günther Klaus.“
Vielleicht habe ich das aber nur geträumt.

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520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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