Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Klassentreffen – Das Treffen der Klassen“

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… Jule wird also wohl doch nicht Olaf heiraten. Langsam wird der Affe in meiner Bude zum Problem. Nachdem er mir die gesamten Tagebücher von Richard E. Byrd vorgelesen hatte und den Palästina-Israel-Konflikt samt friedvoller Lösung auf einem Risiko-Spielbrett dargestellt hatte, war ich am Ende mit meinem Verstand. Wusste gar nicht, dass es neue Wolkenarten gibt. Hab‘ mich letztens mal mit Wetterphänomenen befasst. Machen Sie es nicht! Was man da ganz offiziell vor unseren Augen als Geoengineering verkauft, ist auf den ersten, zweiten und dritten Blick nicht von dieser Welt. Der Affe sagt oft, wenn ich ihn frag‘, warum er nicht rausgeht, nur drinnen hockt: „Wegen der Schämmtrails.“ Keine Ahnung, was er meint, ich hab‘ es auch nicht anhand des künstlichen Vulkanexperiments in meiner Küche verstanden. Seitdem lernt er mir das Wettervoraussagen. Zirren-, Quell- und Schäfchenwolken. Und ihre Untergattungen. Hohe Eiswolken haben 11 verschiedene. Doch das Wettervoraussagen macht mir immer noch einen Strich durch die Rechnung.

„Sag‘ mal, schreibst du wieder über mich in dieses speckige Notizbuch?“ – „Willst du es wieder lesen?“ – „Also mich interessiert es nicht! Doch es ist schon irgendwie peinlich, dass du die Leser deines Tagebuches siezt, oder nicht? Angenommen man würde das alles veröffentlichen wollen.“ – „Aber ein Tagebuch veröffentlicht man eigentlich nicht.“ – „Ach, und was ist mit Anne Frank, Admiral Byrd, Hitler?“ – „Die waren gefälscht!“ – „Aber veröffentlicht!“ – „Wer kauft heute schon noch Bücher?“ – „Kinder!“ – „Ja, hab‘ ich auch gelesen, der Wahnsinn, oder?! Nun ja, besser als einen Blog zu schreiben.“ Der Affe bekam einen Hustenanfall.

„Themenwechsel!“, brüllte er mich an: „Der Papst hat gerade auf dem Madison Square gesagt: ‚I am an American!’“ Ich musste bei der Vorstellung lächeln und antwortete: „Schön für ihn! Du musst mal was anderes machen als immer nur im Internet deine verschwurbelten Theorien zu lesen!“ Dabei setzte ich einen ernsten Blick auf. „Mhm, kann sein, wird Zeit für ein bisschen Revolution! Was ist dein Part?“ Ich war irritiert der Affe hatte scheinbar langsam auch mit mir ein Problem. Hatte er da gerade echt seine Zähne gefletscht oder hab ich es mir nur eingebildet? „Ich bin raus, Klassentreffen!“, presste ich hervor „Ein Treffen der Klassen?“ – „So kann man es auch sehen!“ Da war es schon wieder, Zähne fletschen und der Bindeisenblick. Meine ehemalige Klassenlehrerin würde es diesmal nicht schaffen, irgendeine Reha „weit weg von euch“ schrieb sie wohl in einer Rundmail, die ich nie erhalten hab‘. „Viel Spaß auf deiner Reise und denk‘ dran, was Admiral Byrd sagen würde: ‚Du musst den Filmemachern Material bieten!’“ – „High Jump.“, salutierte ich und dann verließ ich den Affen in der Wohnung.

Erst nach zwei Uhr in der Nacht schlich ich mich zurück. Im Wohnzimmer saß der Affe eingehüllt in eine Wolldecke bei Leselicht. „Du rauchst Pfeife?“ – „Du bist zurück?“ Der Schlagabtausch ging weiter. Ich mochte den Duft des Pfeifentabaks. „Na, schau mal auf die Uhr!“ – „Du kannst noch auf die Uhr schauen? Muss ja spannend gewesen sein und hast du deine Jugendliebe Manuel wieder getroffen? Oder aus deinem Tagebuch rezitiert?“ – „Du hast doch wieder gelesen!“ – „Nur für Recherchezwecke! Erzähl‘, wie war es?“ – „Manuel ist verheiratet! Manuel hat jetzt so ein Startup eingerichtet im Internet, wo er irgendwas Digitales verkauft, und das läuft wohl recht gut. Er ist jetzt mit Möööölanie zusammen und Mööölanie ist schwanger. Zum dritten Mal, ihre Schwangerschaftsstreifen gehen bis zum Hals, wirklich schlimm, ich musste es mir zweimal ansehen. Clemens Neubert war auch da und hat sich bei all‘ seinen Opfern entschuldigt, bei mir für die Kurzhaarfrisur, die sein Kaugummi in der 8. Klasse zwei Tage vor den Winterferien verursacht hatte. Bei Sandy für das Kind, was er ihr in der 11ten angehangen hat und bei drei, vier anderen dafür, dass er in den letzten Jahren ihre Anlagen verzockt hat. Die Dicke aus der hinteren Reihe hat wieder nicht verraten, wie sie heißt und auch die Kohl/Speck-Smoothie-Diät funktioniert wohl eher nicht. Kirstin hat blank gezogen, woraufhin ihr Ehemann und Achim eine Schlägerei begannen. Üble Bilder, hoffentlich verlinkt mich keiner. Der Erik heißt jetzt Jennifer und arbeitet beim Fernsehen. Und Mark Beckercamp hat tatsächlich im Lotto gewonnen. Die Bilder seiner Yacht, unglaublich. Und der lange Udo ist jetzt tatsächlich so ein richtiger Wissenschaftler und arbeitet bei diesem Wahnsinnsprojekt mit. Möölanie brach dann auch noch zusammen, weil sie nun nicht mehr als Unterwäschemodel arbeiten kann, überleg mal, mit drei Kindern und solchen Streifenbändern.“ Dabei formte ich mit meinen Händen die Breite nach und machte eine Verschnaufpause.

„Was für ein Projekt?“ – „Irgendwas mit Sesam öffnen!“ – „Ha!“, der Affe schmiss die Decke hinter sich und stand nun auf dem Stuhl! „Wissenschaftler bei einem Dimensionstorverein?“ – „Ja, genau, und mit dem hab‘ ich auch was getrunken, weil die ja jetzt so einen Erfolg hatten und dann haben wir geknutscht!“ Der Affe riss seine Augen weit auf. Sprang unter den Sessel, wo ja nicht gerade viel Platz war, schoss quer durch den Raum über den Flur ins Bad und schloss sich darin ein. Was nicht so gut war. „Ich muss mal!“ Es raschelte. Dann ertönte ein weiteres „Ha!“ und die Tür öffnete sich: „Duuuuu!“, zörnte der Affe und tippte mir dabei auf die Nasenspitze: „Du warst gar nicht bei diesem Treffen!“ – „Japp.“, jappste ich alles zurückhaltend, was ging. Er hielt mir die Zeitung unter die Nase: „Das hast du alles hier raus!“ – „Japp.“, wiederholte ich. „Das Ding heißt CerN und funktioniert jetzt!“ – „Ja, so war’s!“ – „Hier steht’s!“ So aufgedreht war er noch nie und ich am Boden. Ich schlich 4 Stunden vergebens durch das Viertel auf der Suche nach etwas Einsamkeit und einer guten Ausrede nicht zum Klassentreffen zu müssen. „Ich hab einen Affen.“, klingt irgendwie krank.

Und was sollte ich denen sagen… was aus mir geworden ist? Ich bin es, die Garderobenfrau. Textilmanagerin? ‚Managerin im Vorstand der Abteilung für Koordinations-, Rechnungs- und Sicherheitswesen in der Entertainmentbranche‘ fand ich schlussendlich attraktiv genug, doch danach würde ich an der ‚und wie läuft es so privat‘-Frage scheitern. Hab‘ ich einen Telefonjoker, könnte ich den DJ von Silvester nochmal anrufen, ob er inzwischen den süßen, goldigen Labrador, seine steinreiche, schöne Frau sowie Schwiegermutter und Kinder in diesem kleinen, niedlichen, dreistöckigen Haus mit Park, Tennis und Poolanlage verlassen hat, aber ich befürchte, nach meinem Besuch und den anschließenden Hassmails und Schimpftiraden auf seinem AB hat er eventuell eine neue Nummer, und wie steh‘ ich denn dann da? „Kann man in der Pfeife eigentlich auch Gras rauchen?“ – „Ist alle.“, erwiderte der Affe und verzog sich in sein, ehemals mein, Arbeitszimmer. Ich verharrte vor dem Bad, bis mir der Affe eine ausgedruckte Email überreichte mit den Worten: „Ihr macht mich wahnsinnig! Vergiss nicht wieder zu spülen, hier gehen auch andere aufs Klo!“ Während ich mich erleichterte, las ich.

an: verfassungsschutz@yahoo.de ; e.brockwitch4@gmx.de ; künstler@künstleragentur.com

von: Ines Samenreiter <silkbabe23@aol.de>

Juhuuu
Du bist nicht hier angekommen, dein Telefon aus?? Was ist los, diesmal wolltest Du doch kommen! Die Melanie Möllemann ist wieder schwanger und Udo haben’se gefeuert! Bei dem ist irgendwas schief gegangen in der Firma. Im Anhang zeigt Kristin wieder mal ihre Brüste, verpasst also nicht wirklich was.

Nächstes Jahr, gleiche Zeit, gleicher Ort oder früher!
Knutscher!
Die Nessie

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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