Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Kein Sex mit Herman!“

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„Und jetzt stell dir vor, jetzt, wo ich ihm ganz entspannt erklärt hab‘, dass ich es einfach nicht mag, wenn er mir in die Nippel beißt, macht er es nicht mehr.“ „Verstehe.“ murmelte ihre Bekannte und blätterte desinteressiert in der neuen „Szene In Magazin“-Ausgabe. „Ständig blamiert er mich in der Öffentlichkeit!“ – „Verstehe.“, erwiderte die vermutlich nur zweite BFF.

In den letzten Arbeitsstunden konnte man immer wieder Zuhörer von Partygesprächen werden. Hier und da ließ sich ein Pärchen oder Grüppchen am Garderobentresen nieder, brauchte länger bei der Jackenab- oder ausgabe und so lernte ich die Hälfte aller Intimdetails der Stadt kennen. Diskret versuchte ich mich zurückzuhalten, manchmal gelang es mir nicht. Und meist entstand dabei die ein oder andere wirklich kranke Situation.

„Ich verstehe nur nicht, wieso er die Bindungsängste nicht ablegen kann.“, setzte die junge Frau fort, während sie ihre Garderobenmarke suchte. „Das ist eine Juletasche!“, wollte ich ihr zurufen, um sie vor noch mehr Wahnsinn zu beschützen. „Da braucht man mindestens Taucherbrille und Schnorchel für.“, doch sie redete bereits weiter und so lauschte ich auch weiter, während ich die Fusselrolle nun schon das dritte Mal über die Jackenversammlung gleiten ließ. „Ich will auch mal mein Ding machen, verstehst´e?“ Ihre Freundin nickte ohne aufzublicken, blätterte ohne zu lesen. „Und er unterstützt mich einfach zu wenig dabei. Der Yogakurs interessiert ihn nicht, er merkt sich nicht mal die einfachsten Grundstellungen!“ – „Vielleicht verlangst du zu viel für den Anfang?“ – „Anfang? Ein Jahr! Ich bitte dich!“
„Ja genau, bitte sie.“, dachte ich. Typisch Männer. Da kann man als Frau schon mehrmals verzweifeln. Jule meint, dreimal muss sie ihrem Olaf, wobei es so gesehen nicht mehr ‚ihr‘ Olaf war, alles sagen, dann erst hört er darauf und auf. Den Filzmantel muss ich nächste Fusselrollrunde auslassen, der hat fast keine Arme mehr, das Gespräch ging weiter. „Und die Sauerei im Bad erst! Und die viele Dreckwäsche.“ – „Das ändert sich kaum mit der Zeit!“, bestätigt ihre Freundin und auch ich nicke jetzt deutlich in ihre Richtung. Und es wirkte. „Soll ich euch mal was sagen, wir geben für diese Scheißkerle unser Leben auf, unser Niveau, unsere Bildung und zum Dank kotzen sie einem auf die beste Sonntagsbluse.“
Ha, das kannte ich, mein Ex ließ sich auch immer zulaufen und meine Sonntagsidylle entsprach ungefähr die der Betty-Ford-Klinik. „Verdammtes Partyleben!“, platzt es aus mir heraus. „Genau, du sagst es, das bleibt auch noch zusätzlich auf der Strecke.“ – „Aber heute sind wir frei, ohne die Männer.“, flötete ihre studierte Freundin. „Lasst uns anstoßen!“ Sie hielten mir ihre Proseccogläser entgegen und ich stieß mit Luft und in Pantomimemanier zurück. Die Geplagte klagte weiter: „Ohne Herman wäre ich jetzt wieder in der Karibik auf meinem Animateurposten.“ – „Den wolltest du doch eh nicht mehr machen?“, meint die Desinteressierte. „Das sagt man immer am Ende der Saison!“, korrigiert sie die Mollige. „Dafür hast du jetzt Herman!“ – „Aber schau, Karin, das ist doch damals im Vergleich zu heute das Paradies gewesen.“

Ich hing schon wieder an dem Filzmantel, merkte es, als die grüne Fusselrolle aussah wie ein dickes, rotes Schaf. Langsam zog ich es ab und drückte es zurecht, dann heftete ich es mit einem Pin am Kragen des Mantels fest. „Und die Figur versauen sie auch!“, mittlerweile lallte die junge Frau, überreichte mir dennoch zielgerade die ausgegrabenen Garderobenmarken.
„Na, so lang der Sex gut ist, nimmt man doch fast alles in Kauf!“, kokettiere ich den beiden entgegen.
Die Frauen erstarrten mich an und fielen salzsäulenartig in Wachsfiguren. Dann sagte die, die die ganze Zeit redete und so plötzlich verstummte: „Das ist ja total krank.“, und zwar zu mir. Karin stammelte: „Sex mit Herman, wie krank is´n das?“ Ich verstand die Situation nur noch als chinesische Uraufführung bei Madame Tussauds. “Wieso? Nach dem Yoga oder so?“, versuchte ich mich zu erklären, doch vor mir Wachs aus Stahl. Sie zogen mir die Jacken unter der Hand weg. Ich versuchte Herman dingfest zu machen. Warum darf man sich von Herman ein Leben versauen lassen, wohl bemerkt, eines in der Karibik, aber kein Sex haben?

Ernst August van Stünz und Slamkollege kamen dazu. „Wollt ihr etwa schon gehen?“ – „Besser ist das, mein lieber, dein Text und Auftritt waren wie jedes mal ein berauschendes Erlebnis, du weißt ja, seitdem ich Herman hab‘, komm‘ ich seltener in so einen Genuss.“, dabei warf sie mir einen ninjasternschmeißenden Blick zu. „Oh ja, meine Teuerste, ich weiß. Grüß‘ ihn von mir!“ – „Das werde ich, obwohl ich bezweifle, dass er weiß, wer du bist, leider. Aber sag, wie kommt’s, dass du in so einer perversen Spelunke auftrittst?“ Zack, Zacken mitten in die Stirn, oh Gott, sie hasste mich und hielt mich für pervers. Herman wird mich auch hassen. Die Chefin vom Perversenclub, wenn es nicht so unangenehm gewesen wäre, wäre es lustig. Endlich verabschiedeten sie sich und ließen van Stünz mit schweigendem Anhang zurück. Er schaute mir lange in die Augen, dann meinte er: „Ich würde gerne mal in einem perversen Club auftreten.“ Ich versuchte an das rote Schaf zu denken und wie die Besitzerin der Jacke aussah. „Das würde mit Sicherheit ein berauschendes Fest werden“, schwelgte der Künstler weiter in Karriereplänen. „Allerdings würde ich jemandem wie Eva, der sein Kind Herman nennt, da nicht Bescheid sagen.“ Mir ging ein seltsames Licht auf. „Ach du Sch… autsch… Was? Herman? Ja, Herrgott, Mann, das ist doch kein Name für ein Kind!“ Van Stünz sah mich irritiert an? „Sag mal, sitzt da jetzt ein Schaf auf meinem Mantel? Wie krank ist das denn bitte?“ Jetzt schaute ich ihm lange in die Augen, dann antwortete ich: „Sehr krank, ganz dolle krank Määääääähhh…“. Stünz schnaufte, während der Schweiger zufügte: „Kinder sind Arschlöcher!“, dann schüttelte er die Locke zurecht und verzog sich im Partynebel. Danny tauchte auf. „Na, Zeit für eine Raucherpause?“

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520universum

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2 Gedanken zu „Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Kein Sex mit Herman!““

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