Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Ab 04:00 Uhr – All night long…“

Verschwörungstheorie theme
Ursprünglich wollte ich Danny nach der Zoogeschichte fragen, lehnte stattdessen mehrmals dankend seine konische Zigarette ab und lauschte seinen angeblichen Erfolgen bei der „süßen Barelfe“. „Süße, lesbische Barelfe“ wollte ich ihn berichtigen, doch just in dem Moment schwebte selbige auf die Terrasse: „Der Jochen will jetzt ’ne Rede halten, kommt ihr bitte mal rein?“ – „Wer ist Jochen?“, platze es aus Danny und mir gleichzeitig heraus, während er den Satz mit einem Hustenanfall beendete. Die Barelfe drehte sich mir angewidert zu und, während sie meinte: „Na, der DJ hier heute?!“, bewegte sie ihre Hand waagerecht ruckartig in Höhe ihres Halses und deutete Blicke Richtung Danny an, der vornübergebeugt nun kleinen Spuckefäden nachsann, die zwischen seinen Mundwinkeln Bodenkontakt suchten. „So, der DJ will ’ne Rede halten, vier Uhr morgens? Ohne das abgesprochen zu haben, wer glaubt er denn, wer er ist?!“ – „Keine Ahnung, er will in 7 Minuten beginnen, ich muss wieder rein arbeiten.“, und weg war sie. „Sie hat tatsächlich sehr spitze Ohren, Danny!“ – „Ssssaaaaag ich doooohoooch!“, presste er hervor, und so ließ ich ihn vorerst zurück.

An der Garderobe stand ein schmaler, kleiner Typ. Angenommen, Karl Lagerfeld und Alice Schwarzer wären Zwerge und hätten ein Kind in rotblond gezeugt, das würde bei rauskommen. „Na, da bist du ja endlich!“ – „Kennen wir uns?“, fragte ich, während ich in die Garderobentür huschte. „Martin?“, bemerkte er mit einem fragenden Unterton. „Stammgast?“, setzte er hinzu. In meinem Kopf klingelte die letzte Betriebsversammlung, Ludmilla las noch mal für alle die Betriebsregeln vor. „Martin ist Stammgast! Er wohnt oben drüber und war hier auch schon Stammgast, als es noch ein Puff war. Martin hat Freigetränke aufs Haus und wird stets freundlich behandelt.“
„Martin, Bester, wie gefällt der Abend?“ – „Gut! Ausgezeichnet, die Mädels wieder, klasse! Hier.“, er hielt mir ein A4-Blatt unter die Nase, mit Kuli vollgemalt, dann setze er noch mal an: „Hhhhhier, das hab‘ ich dich gemalt.“ Er schaute mich stolz über das leicht zerknitterte Blatt an! „Wie bitte?“ – „Für dich, hahahab ich gemalt!“. Ich fing an mir ein Mantra innerlich vorzukauen. Martin ist Stammgast, ich bin freundlich. Alles wird gut! Das ist nicht Olaf und Jules Rache. Langsam vergrößerte ich den Sichtabstand und schaute auf wirre Striche in einem Rechteck. „Schau, da steht’s: Jacke, 50 Cent…“ – „Martin, ich sehe es, ich kann lesen!“ – „Oh!“, er strahlte mich an: „Auch das noch!“, stellte er begeistert fest. „Und das bist du!“, dabei tapste er mit seinen fettigen Wurstfingern direkt in die Mitte des wirren Rechtecks. Wie kann ein Hobbit nur so dicke Finger haben, schoss es mir durch den Kopf. Und wieso ist Martin Stammgast und ich kenn‘ ihn nicht? Was läuft schief in dem Laden? In dem Moment kappte erneut der Sound. „Die dicken Oberarme hab‘ ich dir nur gemalt wegen der Stärke, ich bin Karikaturist, ho-ho-hobbymäßig!“ Es ertönte ein langes Fiepen über die Anlage. “Martin, wirklich toll, doch ich muss mal dringendst nach dem DJ schauen und dazu muss ich hier dicht machen, vielleicht solltest du das gleiche tun?“ Irgendwie schaute der Hobbit jetzt verstört. Rede niemals autoritär mit Zwergen! „Den DJ anschauen!“, wiederholte ich: „Der will jetzt eine Rede halten.“ Es fiepte erneut. „Ah, verstehe, na dann bis gleich!“, dabei zwinkerte er mir auffällig zweimal zu.

Die Garderobenfrau aus Martin´s Sicht
Die Garderobenfrau aus Martin´s Sicht

„Hchäm!“, fiepte es über die Anlage. „Du darfst das Mikro nicht in die Box halten, du Arschloch!“ tönte es aus dem Off. Ich fragte mich, ob ich mir endlich eingestehen sollte die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. „Hchäm, achso, also jetzte dürfte es gehen. Also, ähm, icke bin’s, der Jochen.“ – „Geh na Hause, Jochen.“ – „Wo bleibt die Drecksmucke, Alter?“ Das Publikum wurde hörbar aggressiver, doch Jochen schien sich nicht beeindrucken zu lassen. „Also heute jenau uff die Minute vor 36 Jahren hat mein Herz uffjehört zu schlagen!“ Ein 95-prozentiges, weibliches Seufzen hallte über die Tanzfläche. „Alter, erzähl das deiner Mutter!“, schrie einer aus den vorderen Reihen. „Die war dabei, kurzum, die war mit mir im 9 Monat schwanger!“ Ernst August sprang auf die Bühne und legte den Arm um seine Schultern: „Mensch, Jochen, das ist ja scheiße!“ Jochen nickte und vereinzelt nickten auch andere im Saal. Jochen richtete kurz das Mikrofon zurecht „Also bin ick jestorben und quasi vor der Jeburt neujeboren.“ Ein Raunen ging um. Man meldete sich erneut aus der zweiten Reihe: „Alter, mit 36 noch DJ, haste nücht anständiges zum schaffe?“ – „Musik ist mein Leben!“, setzte Jochen fort: „Und so bleibt et och, deshalb möchte icke euch heute einen meiner besten Freunde vorstellen.“ Van Stünz wich augenblicklich zurück. „Er hat mir soviel gegeben…“ – „Nun mach schon oder willste hier auch noch sterben?“, kam es diesmal aus einer anderen Ecke des Raumes. Eine Frauenstimme ertönte: „Lasst ihn doch mal ausreden, ihr Vollspasten!“ Dabei überschlug sich ihre Stimme bei Vollspasten dreimal, um nach einem Purzelbaum mit ausgestreckten Armen stehend zu enden.
„Seit Kindertagen begleitet mich der Junge und ließ mich nie los. Zeitlos, immer wiederkehrend, und deshalb schäme icke mich auch überhaupt nüch für ihn!“ Das Publikum war nicht mehr ganz bei der Sache, immer wieder ertönten Musikwünsche: „Mach mal ‚Robert Schranz – Zauberdreck!’“ – „’Fiktion Life von MarshallPlan‘!“, rief ein anderer. „Kannste mal bitte was von Bob Marley spielen?“, drang es von der Bar herüber, doch ich konnte Danny im Gewirr nicht ausmachen.
Tatsächlich waren vier Stunden nach Mitternacht die Gäste noch sehr, sehr aktiv, nur in mir breitete sich ein Gefühl von Schwere und hemmungsloser Müdigkeit gemütlich aus. Es fiepte erneut.
„Hchäm, und nun ist er hier für euch und eröffnet für euch meine spezielle Jeeeeeburtstagsfeierei unter dem Motto wie sein gleichnamiger Song mein… “ Es unterbrach ihn erneut ein „Schwuuuuuuuuler Rentner“, aus der zweiten Reihe. „Nein. Es ist mein juter Freund: Lionel mit seinem longtime Hit ‚All night long‘!“

Bevor der Facepalm in meinem Gesicht landete, ertönten die ersten Takte und kreischende Mädels erstürmten die Tanzarea. Ein Blick auf den Eingang offenbarte mir eine Traube von Neuankömmlingen. Die Clubhopper kommen, das muss ich jetzt stemmen und Lionel wird mit diesem Song nie mein bester Freund werden, erst recht nicht wegen folgender Zeile: „Throw away the work and let the music be play on.“ Das Totschlagargument schlechthin für Garderobenfrauen und -männer. Singt erstmal Lionel, geht die Party nochmal mindestens die Hälfte vom bisherigen Abend länger!* „Und wie war icke?“, Jochen hatte die Anlage der Playlist erneut überlassen und stand aufgeregt neben mir. „Jochen, du warst super, alles Gute zum Geburtstag, in ’ner halben Stunde machen wir hier das Licht an!

* Mathematische Erläuterung des Lektors
GEG
T1 = Zeitpunkt Partystart
T2 = Zeitpunkt des Lionel-Songs
∂(y;x) = zeitliche Differenz zweier Ereignisse

GES
L = Länge der Party (sog. ‚Lionellänge‘)

LÖSUNG
L = 1,5∂(T2;T1)

ANTWORTSATZ

Die Länge einer Party entspricht dem Anderthalbfachen der zeitlichen Differenz von Partystart und dem Spielen des Songs ‚All night long‘ von Lionel Richie.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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