„Erkenntnisse, aus dem Leben einer Garderobenfrau“

Erkenntnisse Garderobenfrau Zeitung
Denken sie ja nicht, dass es einfach ist. Es ist ein Knochenjob. Also ein Job, bei dem sie Knochen in ihrem Körper spüren werden, die sie vorher nicht kannten, danach dann aber mit lateinischen Fachbegriff plus dazugehörigen Muskelgruppen. Die Anforderungen, die man besitzen sollte, kommen denen eines Astronautenanwärters gleich. Nur wird es ihnen keiner freiwillig sagen.
Glauben sie mir, dass ich nicht im Geringsten heuchle, wenn ich sag‘: Es ist noch viel härter.
Wenn man mich nach meinen Erkenntnissen aus der Berufsgruppe fragt, dann sag‘ ich ihnen,

haben sie tiefsten Respekt, seien sie dankbar, geben sie Trinkgeld, ein Lächeln und niemals gute Ratschläge, zumindest nicht, was das Aufbügeln einer Jacke oder eines Mantels betrifft. Dies trifft übrigens auch bei Parkas, Blazer und Jacketts zu. Ja, auch eine Strickjacke oder ein Pullover sind keine wirklichen Herausforderungen in einem Jackenhort. Hat man das „Erste-Schicht-Bootcamp“ überstanden und sich nach längerer und reiflicher Überlegung dazu entschlossen, den Job wegen der Freigetränke und Gästelistenplätze, dem „irgendwann-mal“ Maledivenurlaub und den Schulden beim Bafögamt doch weiter zu machen, ist es ganz normales Poker. Dann kennt man sie, die Leder, das Samt und Mikrofaser. Die Männer- und Frauenoberbegleitungbändigung urbaner Unterhaltungsindustrie ist ja quasi die Pflichtkür im Überlebenskampf als Jackenhostesse. Denken sie sich aber mal ein Hängesystem für 250 Bügel an einer Wand und zwei Ecken aus, auf gefühlten 5,20 Quadratmetern… Das ist wie Tetris, nur schneller, etwas weicher und mit ausgefallenen Formen. Man ist mittendrin, ein Teil des Steckpuzzles und die Melodie ist völlig anders. Balancieren sie sich voller Platzangst wie eine Elfe – oder auch ein Elf – mit Elastizität und ein paar Kilos Hüftgold auf einem Balken durch einen überfüllten Anorakdschungel. „Ich bin ein Minijobber, holt mich hier raus!“, können sie schreien, so laut sie wollen. Es wird sie niemand hören. An die Wand meiner Arbeitsstelle hat eine meiner Vorgängerinnen einen Spruch mit einer Garderobenmarke in die schwarze Farbe gekratzt: „Leben. Sterben. Garderobe!“ Sie verstehen mich?
Erklären sie ruhig und freundlich dem seit einer viertel Stunde wartenden Gast, dass jetzt gerade nur ein Bügel wieder frei geworden ist und die Jacke seiner unfreundlichen Drachenfreundin nicht auf dem Boden platziert werden kann. Versuchen sie es. Lassen sie sich auf Diskussionen ein, über Gott, die Welt und Geld. Das mein‘ ich ernsthaft. Seien sie Psychologe der Örtlichkeit, irgendjemand findet immer einen Weg zum Garderobentresen. Und Taschen. Ich liebe Taschen. Das, was sie nicht hören, während sie das lesen, ist die Ironie. In ihrem Kopf hab‘ ich eine Stimme gemischt aus Lilo Wanders in weiblich und Lara Croft. So seh‘ ich auch ungefähr aus. Konzentrieren sie sich auf die Ironie. Ich habe eine Tasche, die ist ein Rucksack, den nehme ich meist nicht mit ins Nachtleben. Dafür besitze ich 15 verschiedenfarbige Gürteltaschen passend zu allen Outfits und fünf Brustbeutel. Aber ich bin nunmal ständig von Taschen umgeben und habe auch eine „Petition für die Gewichtsberechnung plus ein Größensystem für Taschenabgaben an der Garderobe“ eingereicht.
Kurz: es müsste also für Taschen unter zwei Kilo im Bereich „Clutch“ (dieses sinnlos globige Handutensil ohne Henkel und Platz für reibende Stöckelschuhe) eine Gebühr von einem Euro erhoben werden und ein Shopper-Bag mit sieben Goldbarren, Duschbad, Laptop, Dreckwäsche und kleiner Katze kostet halt zwei Euro. Muss doch machbar sein. Hab‘ ich erwähnt, wie schwer eine 42 Jahre alte Punkerlederjacke riecht und wiegt? Das sollten sie schon stemmen können. Und kommt dann erstmal so eine Seidenflatterjacke, die direkt bei der kleinsten Nagelprobe Fäden reißt, zittert ihr Nervenkostüm wie Espenlaub. Die Künstler des Abends können in einem Club ebenfalls zur Zerreissprobe werden, ich hab‘ gehört, am Theater ist es nicht anders, nun kann ich nur von mir sprechen. Kommen sie von außerhalb, brauchen sie soziale Kontakte und eine Konstante, und als Garderobenfrau ist man meist vor ihnen da und kann nicht weg und geht kurz vor ihnen, manchmal mit ihnen, darüber will ich mich aber nicht weiter äußern. Kein Kommentar. Kommen sie aus der Stadt, kommen sie erstmal gar nicht. Das war jetzt keine Ironie, ich hab es erlebt, da haben sich die Diskjockeys nicht abgesprochen, wer die Primetime hat. So standen dann alle drei geschlossen um 2 Uhr vor der Tür, die gerade ebenfalls geschlossen wurde. Keiner der Gäste war bereit weiterhin vor einem unsichtbaren DJ zu tanzen. Zur DJ NIGHT. Gut, lag vielleicht auch an der Playlist, die ich dabei hatte. Man ist halt genug gefordert als Garderobenfrau, da kann man nicht noch DJ sein, und ich hab keine Ahnung, was an Gianna Nannini nicht rockt und warum die Stadtaffe-LP nicht durchgängig ein Hit sein soll, auch nach all‘ den Jahren. Sehen sie es ist doch so: ich hab ein wenig den Faden verloren. Zurück zur Jacke. Was mich absolut auf die Palme bringt, sind Ärmelstopfer. Menschen, die von irgendjemand, der es hätte besser wissen müssen, angelernt bekommen haben, Schals, Tücher, Handys, Handschuhe, Handtaschen und Taschentücher in die Ärmel zu stopfen. Ich sehe es schon wieder vor meinem geistigen Auge, wie einer der Gäste vor mir eine Jackendackel-Präparation vornimmt. Ich unterstütze das nicht. Es kommt allerdings auch vor, dass ich es nicht bemerke und protestieren kann. So dass ein ausgestopfter Jackendackel auch mal aus Versehen kopfüber von mir aufgehangen wird. Und in der Eile rammelt man sich bei jeder Suche einer Lösung für alle sonstigen Probleme an dem Vieh. Im schlimmsten Fall wird dem Jackendackel posthum schlecht und er kotzt. Schals, Taschentücher, Telefonnummern und manchmal auch ein Notizbuch eines Pick-Up-Artist. Alphabetisieren sie es nicht, es könnte ihr Weltbild zerstören und sie werden viel Eiscreme und Egoshooter brauchen um zu kompensieren, wie weit es mit der Jugend getrieben wurde. Stopfen sie einfach nie wieder etwas in ihrem Ärmel, ihr Ärmel wird es ihnen danken. Es ist immer schön, wenn Gäste kommen, die sich zu benehmen wissen, doch dazu gehört auch zu wissen, wann man wieder gehen muss. Und da wird es dann richtig abartig. Glauben sie mir, die Letzten werden nie, nie, niemals nie die Ersten sein. Abgesehen von der Abendleitung, und selbst darauf ist kein Verlass. Da hilft manchmal keine geschlossene Bar, Ton aus, Licht an, Kehren oder „hier haste deine Jacke“. Da hilft dann Dimitri, unser Techniker mit Fellmütze. Wir sagen dann immer scherzhaft: „Vorsicht, der Russe kommt!“, zu unseren Gästen. Und irgendwie trifft das ja auch zu. Dimitri hat dann auch so eine besondere Art drauf, die Leute davon zu überzeugen, dass es sinnlos ist eine Anzeige wegen der entstandenen Körperverletzung zu starten. Sie werden einen Dimitri brauchen.
Sie sehen, es ist sicherlich einer der unterschätzteren Jobs der Welt, aber wenn ich ihnen erstmal von Ludmillas Wechselschlüppi oder dem Poetryslammerabend, den wir letztens hatten, erzähle, dann geben sie womöglich demnächst ihr ganzes Kleingeld, eine Packung Gummitiere und Schokolade der nächsten Garderobenfrau, die ihnen in diesem Leben begegnet. Und wenn sie dann gerade ein Kreuzworträtsel macht oder in einem völlig überschätzen Bestsellertaschenbuch einen spannenden Absatz liest, ist sie nicht faul oder gar bereit einen dummen Spruch darüber zu akzeptieren. Sie sammelt Würde und ein bisschen Energie. Denn die härtesten Disziplinen in der Garderobenbranche sind immer noch: eine hohe Trefferquote im Zeit-tot-schlagen beim Pfahlsitzen und der affige Gast, der einen fragt, wann man endlich Schluss hat.

Ihre Garderobenfrau

Autorisiertes Nachtwort von Günther. K. zu „Erkenntnisse einer Garderobenfrau“

Unglaublich, dass sie so einen Wisch veröffentlichen wollen, oder dass ihn sich überhaupt jemand durchliest. Ich finde ihr Blatt interessant und beeindruckend, doch mit diesem Beitrag schießt man sich eventuell ins redaktionelle Aus. Nicht nur, dass es mir äußerst aufstößt, dass sich die Dame diskriminell über Affen äußert, der komplette Artikel ist völlig inhaltsfrei und weltfremd. Gibt es keine guten Schriftsteller und Redakteure mehr, so das man jetzt schon das Schreiben der Beiträge einer Garderobenfrau überlässt?
Bisher dachte ich, die Presse und Medienkrise wären eine Erfindung der Verschwörungspraktiker und dann präsentiert man mir so was? Wen interessieren schon die Leiden einer Garderobenfrau? Was ist mit Japan? Den Nazis in der Ukraine. Rangeleien? Den Falun Gong in China, kennen sie das Guerilla Open Access Manifesto? War Neil Armstrong auf dem Mond? Was wissen die Saudis vom 11. September und wie viel freie Energie erzeugt eine Pyramidenspitze, oder die Keshe Foundation? Bananenpreisspekulationen, auch so ein unbeachtetes Thema. Wen interessiert da, wie viel eine Tasche wiegt, wenn man wissen kann, was der Mond wiegt. Und gibt es dafür Beweise? Sie bekommen irgendeine Zahl und sagen: „Super, das glaub‘ ich jetzt.“, aber wer hat´s erfunden, diese Wahrheit? Ganz ehrlich, die Garderobenfrau war es nicht, eher würde ich ein Buch über ein sprechendes, sozialkapitalistisches Känguru lesen wollen, als was von dieser Jackenschubse. Und dafür macht Mensch heutzutage Abitur? Man hätte doch wenigstens einen kleinen philosophischen Happen erwarten können. Zu Themen wie „Jacken besitzen keine Haut- oder Fellfarbe“ und „Kleider machen Leute – der König ist tot.“ Das dreisteste ist jedoch, sich mit einem Astronauten zu vergleichen. Populismus ohne Ende. Mir stehen die Haare zu Berge. Ich bin mir sicher, sie ist tief im Innern unter einer verkalkten Schicht auch ein herzensguter Mensch mit Tiefgang, aber mal ehrlich, sind sie ein Bergbau- oder Tauchermagazin? Bessern sie sich und die Garderobenfrau!

Hochachtungsvoll, Günther K.

Text „Erkennisse, aus dem Leben einer Garderobenfrau“ auszugsweiseweise in Druck erschienen, Leipziger Zeitung Ausgabe 14/2015 vom 28.08.

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520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

Ein Gedanke zu „„Erkenntnisse, aus dem Leben einer Garderobenfrau““

  1. Hat dies auf klangkopf rebloggt und kommentierte:
    Die neue Folge der Garderobenfrau geht mal wieder an die Grenzen des Sagbaren… Nach der teilweisen Vorveröffentlichung in der LZ nun der komplette Artikeltext samt Günter K. unprintbaren Nachworts. Love it!

    Gefällt mir

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