Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Affentheorie #3 – Über die Absicht, eine Mauer zu bauen“

Verschwörungstheorie theme
Seit Stunden sprach der Affe von pilzartigen Mafiastrukturen auf der ganzen Welt, ich döspaddelte vor mich hin. „Wenn ich jetzt eine amerikanische Küche hätte, müsste ich nicht über den Flur in die Küche, sondern wäre direkt in der Küche. Die Mauer müsste weg!“ Der Affe unterbrach meine architektonischen Überlegungen.

„Warum verschweigst du mir eigentlich, dass du einen Artikel für die Zeitung schreiben darfst, was ich verstehen kann, weil es lächerlich ist.“
Ich war baff, ich hatte alles versucht, den Artikel heimlich zu verfassen. Die Kulturredakteurin der wichtigsten Stadtzeitung war einst VIP-Gast bei uns und – mag es an der Sommerluft gelegen haben oder der Einhornparty der Regenbogencrew – ich klagte ihr nebenbei, beim Chanelmantel verstauen, mein Leid. Sie amüsierte sich darüber und meinte, wenn mal Platz in einer Ausgabe wäre, dann wäre das ein toller Beitrag auf der Kulturseite. Und so antwortete ich dem neugierigen Bananenvertilger trotzig mit: „Ich hab‘ halt mal eine Anfrage bekommen, hat mich nie ganz los gelassen. Woher weißt du das eigentlich?“, hatte ich mir doch extra einen Laptop bei Jule geliehen, um den Artikel zu schreiben und die Mail abzuschicken, mein Arbeitszimmer war ja besetzt. Der Affe machte einen Satz auf meine Schultern und hielt mir die Ohren zu, dabei brabbelte er unverständlich vor sich hin. Ich bekam kaum Luft vor Panik und kurz bevor ich in Ohnmacht fiel, wollte ich mit letzter Kraft losschreien, doch er schlug mir alle vier Handkrallen vor den Mund, dafür konnte ich jetzt wieder verstehen.

„Es ist nicht zum Aushalten mit dir. Deine sozialen Fähigkeiten sind ja sooooo minimiert! Deine ABC-Liste nach Birkenbihl-Art – sagen wir: un-voll-stän-dig. Du schaffst es nicht vom Alpha zum Omega! Deine Umwelt schränkt dich ein und vom Leben da draußen bekommst du in deinem Mikrogarderobenchipkosmos scheinbar nur die Hälfte mit, wenn man dir es nicht sagt. Du kannst dein kleinputziges, buntes Leben doch nur so lange leben, wie andere Lebewesen dir die Sicherheit dazu geben. Schau dich um: die Riesenwohnung allein! Ein Arbeitszimmer, wo keiner studiert? Deine einzigen Freunde sind es scheinbar nicht wert die Wahrheit zu erfahren. Und mich verschweigst du auch. Jetzt fang nicht an zu heulen, Jackenschubse!“ Er schlug mir die oberen Hände um die Augen, langsam verstand ich sein „Nichts hören, nicht sagen, nichts sehen“-Theater. Es war dunkel, dunkler und es wurde finster wie im Bärenarsch. Ich hatte einen terroristischen, lebensgefährlichen Affen am Hals. Er hat sich hier eingeschlichen und jetzt sein Schläfertum beendet? Er setzte weiter fort: „Die Welt aus deiner Sicht ist ja vielleicht sogar schön so, aber es gibt da noch ein paar mehr Sichtweisen. Ihr Menschen mit eurer Blindheit für das Allumfassende, aber für alles ein Gesetz und so wenig Gerechtigkeit? Wie ihr Atomwerke baut, Massenhaltungs- und Versuchsfabriken, Mathe, CERN, das ist doch alles Wahnsinn. Demokratie, ja, aber sie nutzen und leben, nein. Ihr verblödet in Gefängnissen, die ihr Schulen und Universitäten schimpft, schuftet für Papier und Metall, was man nicht essen kann. Hauptsache unterm Strich kommt was raus, was man berechnen kann. Ihr hängt euch Abschlüsse an die Wand, für die ihr noch Jahre Kredite zahlt. Für die Dreckswand und die Abschlüsse! Wer´s hat! Und überhaupt immer nur verkürzte Kapitalismuskritik und die, die es nicht hören wollen. Das hab‘ ich dem Lars auch gesagt. Geld machen, ja, haben, na gut, aber drüber reden, neee! Menschen reden nicht über Geld, zumindest nicht solange sie welches besitzen. Private Banken! Pah, das ich nicht lach‘, weißte was eine ‚Private Bank‘ ist? Ein wunderschöner Park und die Bank, die jemanden gehört, und wenn der dafür einen Preis bezahlt hat, dann will der auch einen Preis, wenn jemand darauf sitzen will um die Aussicht zu genießen. Verstehst du, die Aussicht, als ob es die ohne private Bank nicht gäbe. Aber, ja, das darf man auch nicht sagen. Dabei ist mir egal, wer die Scheißbank gekauft hat und woher der kommt oder an was der noch glaubt außer an Kapital und Gewinne, solange der nicht teilt, gerecht, ist es halt ein Arschloch! Das ist ja bei euch aber immer gleich rechts oder den linken Chaoten zuzuordnen! Was soll das? Wer ist denn von euch noch mittiiiiiig vooooorn? Häää? Da steht gar keiner mehr, die sind alle tot! Und dann diese ganze verrückte Technik, ihr berührt öfter ein Display als euch selbst. Lausen, Kuscheln und Zusammensein scheint euch egal. Du und dein Telefon, wo niemand anruft, der wissen will, ob es wirklich du bist, nach dem er da sucht. Und dann diese blödsinnige Jagd nach dem Beweis, dass es einen Gott nicht gibt, das kotzt mich an!“
„Amen“, setzte ich seinen fliegenden Spucketröpfchen hinterher.
Wie so ein Reflex.
„Das mein‘ ich! Respektlos, ihr seid alle so verblendet, außer dieser Olaf, glaub‘ ich zumindest, aber was interessiert schon in dieser Welt, was ein Affe denkt?“ – „Ja, Olaf ist ein Guter.“, erwiderte ich verwirrt bis ängstlich, schließlich hatte mich Olaf mal gerettet, aber das ist eine andere Geschichte. „Und was hat er davon? Du hast ihm verboten von seiner Mama zu reden und dabei hast du selbst einen riesigen Mutterkomplex.“ Ich schluckte, mag hinkommen. „Und weißte, was mich richtig sauer gemacht hat, letztens, diese Ufounterhaltung. Du willst also Hunderttausende von Menschen in die Klapse schicken, weil sie der festen Überzeugung sind ein unbekanntes, nicht irdisches Flugobjekt gesehen zu haben?“ „Fang jetzt nicht wieder an, sonst muss ich dir eine klatschen! Deine Wahrheiten kann man niemandem antun, ich kann dich so nicht ernst nehmen, nee, kann ich nicht!“ – „Ha! Nicht nur respektlos, auch noch hilflose Gewaltformulierungen, ich hab‘ das im Internet nachgeschaut, was das ist bei euch Menschen. Das ist Angst! Angst vor Selbstgesprächen! Angst vor den Wahrheiten! Da gibt es nämlich nicht nur eine, geschweige denn nur meine oder deine. Angst! Dass die kleinen, grünen Menschen eure minderwertigen Experimente scheiße finden und Bratwurst aus Menschenfleisch geil! Angst, dass es in einem Paralleluniversum geiler ist als in dem, in dem du vegetierst und deine Wahrheit schützt als eigenständig. Millionen! Milliarden. Trillionen von Wahrheiten. Weißt du, Garderobenfrau, wenn du auch nur einen Abschnitt meines Lebens erlebt hättest, wärst du nicht so drauf!“ Seine Töne fiepten in meinen Ohren: „Hab‘ ich aber!“, protestierte ich zunehmend wütender. Ich lass dich hier kostenlos wohnen, hab‘ meinen Bananenvorrat und Internet immer geteilt, nie gefragt, woher du eigentlich kommst! Was du machst…“ – „Siehst du!“
Eine lange Pause entstand. Er glitt von mir ab, wirkte erschöpft und gleichzeitig hatte er diesen irren Blick drauf, dass ich schon wieder schmunzeln musste. Tja, Affe, dachte ich, du bist bei weitem das Schrägste, was mir bis jetzt passiert ist, aber so gesehen weiß ich nichts über dich. Ich weiß, dass Affen, wenn sie nach ihrer Geburt keine Berührungen und Nähe erfahren, später sexuell lustlos sind. Vielleicht werden sie Verschwörungstheoretiker. Menschenbabys sterben, wenn sie nicht berührt werden und Nähe missen müssen. Über 80% glauben nicht an Darwin und die Affentheorie. Ich auch nicht mehr. Ich hatte keine Ahnung, wer er wirklich war und was er hier machte. Der Affe glättete sich das Fell und wirkte tatsächlich traurig darüber. „Woher kommst du denn?“, versuchte ich es ebenfalls glättend. „Glaubst du wirklich, das spielt jetzt noch eine Rolle und du wärst bereit für diese Geschichte, wenn du nicht mal deine eigene überwunden hast?“ – „Ha, ich bin von Altlasten befreit!“ – „Ja?“ – „Ja!“ – „Sehr gut, dann auch von Autoritätsängsten befreit?“ – „Klar!“ – „Du bist frei und bereit?“ – „Klar, seid befreit und immer breit, ähm, bereit!“ Seine Augen glänzten und er fletschte die Zähne erneut. „Dann ist das auch völlig okay, wenn ich diesen Hammer hier nehme und jetzt diese Wand hier zur Küche einschlage, weil du ja schon immer von einer amerikanischen Küche geträumt hast? Amerikanische Freiheit wollteste doch haben, oder?“ – „Klar.“, sagte ich siegessicher, während ich versuchte an mein Handy zu kommen und mir keiner einfiel, den ich zu Hilfe holen könnte. Vielleicht den Wächter, im Knast gibt es doch auch immer so Aufstände? Doch ich kam nicht weiter mit meinen Überlegungen, ein unglaubliches Geräusch unterbrach mein triviales Gedankenkino. ZOANG! Zoang!
„Na, sag mal?!“, schrie ich: „Bist Du jetzt völligst am Durchdrehen?“ Der Affe stand in einer kleinen Bauschuttwolke und schlug mit dem Hammer die Wand zur Küche klein. Zoang. „Dududu bist übergeschnappt! Hilfe, ist das eine tragende Wand? Was machst du denn? Ich weiß gar nicht, sag mal, trägt das die Versicherung? Träume ich oder was geht denn nur ab?“ Ich war wie gelähmt und sah ihm zu. Zoang! „Angst!“, schrie der Affe erneut. „Du räumst das auf!“, befahl ich ihm. „Hör zu, wer auch immer du bist, du mauerst das alles wieder so, wie es war!“ – „Ach, nach deiner Methode meinste?“ – „Wie meinste?“ – „Na mauern! Gegen die Freiheit schön alles zu spachteln! Ja, ja! Möchten sie die Mauer drei oder vier Meter dick? Stahl oder Pappmaschee?“ Zoang. Ich machte ein ausgedehntes ‚Pffft‘ in seine Richtung! „Wenn ich wiederkomme, ist das alles wieder aufgeräumt, ich muss los, affiges Geld verdienen.“ Ich musste tatsächlich arbeiten, drei Poetryslammer und ein DJ aus Berlin, aber ich musste auch hier raus, und da kam es, leise, aber bestimmt. Er sagte es einfach so.
„Ich bin weg, wenn du wiederkommst!“ – „Ach, drohst du mir?“, fragte ich ihn.
„Weiß nicht, droh‘ ich dir? Lass mich mal kurz nachdenken. Ja, ja, nein, also, ich glaube nein, ich hab‘ eine Mission und sagen wir es so…“, er senkte die Stimme verschwörerisch, mit einer Prise Pate setzte er fort: „Ich will deine heile Garderobenwelt nicht zerstören dabei!“ – „Pfft, kannste gerne machen in meiner Realität…“ – „Ach ja?“, ich kam ins Stocken, in meiner Realität hat gerade ein sprechender Affe meine Wohnzimmerwand erschlagen und quatscht hysterisch von Freiheit! „Und Revolution!“, schrie der Affe hinzufügend hinterher. Zoang! Und er konnte meine Gedanken lesen. „Ja, vielleicht ist es besser, du gehst deiner Mission nach!“, beschloss ich vielleicht etwas unterkühlt. Zoang! „Du wirst auch noch deine finden!“, antwortete er mir durch Baustaubschwaden. Zoang!
Ich drehte mich nochmal kurz um: „Sag mal, den Artikel, fandest du den wirklich so schlecht?“, fragte ich ihn bei geöffneter Wohnungstür. „Ich hab etwas nachgebessert, nimm mir das nicht übel!“, war alles, was er dazu verlauten ließ. Bevor in mir die Wut erneut aufbrodelte, schlug ich schnell die Tür zu und atmete tief durch, drei Mal. Dann erst bemerkte ich Frau R. neben mir stehen, zitternd. Ich schnappte meinen Rucksack und lief mit einem sehr, sehr merkwürdigen Gefühl los. Auf dem Weg zur Arbeit versuchte ich Jule zu erreichen. Das Handy war aus. Dafür rief mich die Kulturredakteurin an. Ob ich mir sicher sei, dass ich das so veröffentlichen möchte? Ich stimmte zu. Was sollte schon passieren. So sehe ich halt die Welt, das dumme ist nur, in meiner Welt fehlte jetzt eine Art tragende Wand, oder eben eine Mauer.

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„Erkenntnisse aus dem Leben einer Garderobenfrau“

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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