Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „…in the air – Warum Jungs die besserern Mädchen sind“

Verschwörungstheorie theme
Den Weg zur Arbeit kannte ich zu gut, ich lief ihn blind. Hin und zurück. Der Mensch ist ein Gewöhnungstier. Allein in der riesen Wohnung, hat er gesagt. Mikrogarderobenchipkosmos, hat er gesagt. Sind wir etwa am Aussterben und bekommen es nicht mit? Mutterkomplex. Was bildet der Affe sich nur ein? Im Buschwerk neben mir raschelte es und ich lief ein bisschen schneller, vor mir lag der Park zur Straßenseite, schattig, ungeheuer, raschelnd kalt.
„Haste mal Feuer, Mädchen?“, sprach mich jemand von hinten an, ich schaute in ein zotteliges Gesicht, welches unter Schichten von Haaren lag. Irgendwo zwischen Bart und Haaransatz lugten zwei stahlblaue Augen hervor. Ich zog mein Abwehrfeuerzeug aus der Tasche, doch so ungenutzt kalt war es machtlos. In der Hand hielt der Typ eine selbstgedrehte Kippe, in der anderen eine Axt, er war barfuß, was bei sieben Grad in der Nacht mehr als merkwürdig war. Doch was ist schon merkwürdig. „Was machst du hier?“, fragte ich ihn direkt heraus. „Nazis jagen!“ – „Mit einer Axt?“ – “Hast du was gegen Äxte?“, ich schüttelte den Kopf. Wo war der Affe, wenn man ihn brauchte, doch der Typ war bereits weiter gelaufen und ich sah ihn nur noch von hinten. Männer, dachte ich, was ist nur aus euch geworden? Wo hat euch die Emanzipation nur hingetrieben, und wohin hat sie mich gebracht? Darf ich mal bitte respawnen? Ich dachte an die unglückliche Silvestergeschichte und an meine anderen Verflossenen. Manchmal ging ich in Gedanken noch an allen vorbei um zu schauen, ob ich nicht doch noch mal bei einem stehen bleiben würde. Mir wurde kälter. Ich dachte an Jule und Olaf und wie es wohl wäre, auch einen Olaf zu haben. Jemand, der einem einfach nicht böse sein kann. Der sich merkt, wie die Lieblingsschokolade heißt und aufgebaut ist. Einen der immer lächeln muss, wenn er einen sieht. Nur doof, dass es Jule gerade nicht so sah. Olaf war nun schon mehrere Stunden weg, vielleicht würde er jetzt ins Kloster gehen oder Jule hinterher. Oh Gott, so was Romantisches will ich auch! Mir schossen die Tränen in die Augen. „Reiß dich zusammen!“, sagte ich deutlich laut zu mir. „Verlieben und so Kram ist doch nur was für Mädchen!“, vor meinem inneren Auge sah ich den Affen die komplette Wohnung zerschlagen. Der Affe hatte fast immer recht. Ich erinnerte mich an eine Session, die wir im Spätsommer oben auf dem Dach hatten. Das war der Abend, an dem ich meine Emotionen fünf Meter unter der Erde in einem kleinen, kugelsicheren Schutzbunker einzementierte. Wir waren zunächst der Wächter und Henning, einer seiner Arbeitskollegen. Es gab Südhang aus dem Discounter, ungarische Melonen und Käsewürfel so groß wie Kinderfäuste. Ich erklärte Henning gerade, wie scheiße ich es finde, dass Erwachsene gerne zu zweit ins Bett krauchen, aber ihren Kindern vorschreiben wollen, sie sollen allein schlafen.
Henning sah mich irritiert an. Und der Wächter bekam einen Anruf.
„Hör mal, Schneeflöckchen… na gut, dann nicht, Schneeflöckchen… ja… ja… mach‘ ich.“
Dann informierte er uns knapp, dass er dringend einen Termin hätte und jetzt weg müsste, also saß ich mit Henning allein da. „Schneeflöckchen.“, grummelt er, stand auf und warf die halbleere Weinflasche runter auf den Hof, die laut auf dem Pflastersteintrapez der Grillfläche zerschellte. „Aber Henning!“, ermahnte ich ihn. „Lass mich in Ruhe!“, frotzelte er mich an. Dass Männer auch immer so empfindlich reagieren, immer gleich Drama und dann so tun, als ob es die anderen waren, dachte ich mir weiter. Henning stellte sich ein Stück näher an den Abhang. „Ich finde das auch scheiße, dass Jürgen einfach geht, so mitten im Abend, aber seitdem er das Ding mit der Unterkühlten am Laufen hat, wird er zahmer, deswegen sag‘ ich nichts! Schau, wir haben noch eine Flasche um uns das schön zu trinken!“, versuchte ich die Situation zu entschärfen. Henning war das egal. Er wiederholte nur trocken „Unterkühlte“ und blickte in die Dunkelheit der Nacht. Keine Sterne, dachte ich, keine Abendunterhaltung, mich frierte es ein wenig, aber das Fresskoma ließ mich genau da sitzen, wo ich war. Neben mir klapperte es in der Dachluke und ein Gitarrenhals schob sich seitlich an mir vorbei.
„Da bist du ja endlich!“, seufzte Henning dem Unbekannten entgegen. „Yo, hat länger gedauert, mir ist da ’ne Seite gerissen.“ – „Kennt ihr euch? Was sucht ihr eigentlich alle auf meinem Dach? Was willste denn mit der Gitarre?“, wunderte ich mich laut. Der neue schaute mich an: „Wie? Du bist aber nicht in der Slam-and-jam-on-the-roof-forever-Gruppe?“ – „Nee, bin ich nicht?“ Der Neue sah Henning angestrengt an.
Henning wedelte ab: „Paul reg dich nicht auf, Grunert hat abgesagt, ich dachte, wir brauchen noch jemand für die Backings und der Jürgen hat gemeint, ich soll es mal mit ihr versuchen!“ –
„Ich kann die da aber jetzt hier nicht ernstnehmen, das hier ist Musik und keine Datingshow… so kann ich nicht spielen. Warum werden wir so hängen gelassen von unseren eigenen Männern?“
Ich klammerte mich an die Flasche und strich ihr den Bauch. Moment, hatte der gerade ‚die‘ gesagt und ‚Datingshow‘? Wer sollen denn hier die Kandidaten sein? Wir kennen uns doch gar nicht. Hening lächelte mich gequält an. „Ihr habt sie wohl nicht mehr alle? Das könnt ihr vergessen, ich nehm‘ hier keinen von euch! Brauch‘ ich nicht.“ – „Ich will dich gar nicht!“, schrie mich Henning an und nun blickten wir beide zu Paul, der es sich im Schneidersitz bequem gemacht hatte und am Ende seiner Gitarre rumschraubte. „Ich will die auch nicht! Ich fass die nicht mit der Kneifzange an! Die sieht aus wie meine Ex!“, ich musste laut lachen aus Verzweiflung. „Hysterische Kuh, siehste Henning deswegen gehören Mädels nicht in eine profesionelle Band! Das hab ich bei dem Eiszapfen auch gesagt“- „Aber ich hab extra die Akkorde von ihrem Lieblingslied rausgeschrieben Paul ich hab mir den Arsch aufgerissen, verstehste?“ – „Herzklingelmelodie, Henning ich bin so froh, dass wir das nicht spielen müssen. Gefühlsreggae macht mich völligst krank! Und ja, genau, wir reißen uns die Ärsche auf für die Weiber und die? Vögeln fremd, sobald einer sich noch mehr den Arsch aufreißt…“ – „Oder noch mehr Arschloch ist! Wir müssen mehr Arschlöcher werden, Paul!“ – „Genau, ich reiß mir für keine mehr irgendwas auf!“
Ich zwickte mich mehrmals, doch das schien schon alles Realität zu sein. Auch ich war froh, dass mir anscheinend Olafs und Jules Lieblingslied erspart blieb, klar gefiel mir das Lied, doch ich war noch nie musikalisch und wurde nicht mal gefragt, ob ich überhaupt in die Band will. Doch die zwei Verlassenen machten mir langsam zunehmend Angst.
„Sei froh, dass du die los bist. Aber begehe nicht gleich den nächsten Fehler mit der da!“, zeterte Paul weiter und zeigte dabei auf mich. „Jungs, ich gehe jetzt.“, und mit der Feststellung fing ich an, mein Zeug zusammenzusuchen. „Nix da, du bleibst!“, erwiderte Henning. „Du machst jetzt die ‚A’s oder ‚U’s, bitte nicht sooft ‚O’s und keine ‚E’s!“, ich verstand nicht ganz. „Und auf keinen Fall Umlaute oder ‚EI’s oder ‚OI’s.“, fügte Paul hinzu, der begonnen hatte zwei Seiten permanent abwechselnd zu zupfen, wie eine Wartemelodie. Ich sprang auf und wollte sagen: „Macht euren Scheiß alleine!“, da spürte ich Hennings heiße Hände auf meinen Schultern, die mich freundlich, aber bestimmt, in Sitzposition zurückdrückten, danach platzierte er sich neben mir.
Und ja, das war der Grund, warum ich Beziehungen vermied. Dieses freundlich-bestimmte Drücken fand ich ätzend, Respektlosigkeit ätzend und Selbstmitleid ätzend. Macho, ja! Arschlöcher, nein!Selbstmitleid, nein!
Paul und Henning schienen das perfekte Beispiel dafür zu sein, seine Komfortzone besser nicht zu verlassen.
Paul versuchte eine Melodie zu spielen, brach zweimal ab, um im dritten Anlauf das Intro zu überspringen, „Wir gehen einfach direkt am Anfang rein.“, meinte er und Henning nahm ein Schluck aus der Flasche, die er an sich gerissen hatte und nickte, dann begann er „noone knoooooows how it feeeeeeels to be a saaaad man.“
„Ach, du Scheiße, nööö.“, entfuhr es mir. „Keine Umlaute!“, zischte Paul und wiegte sich apathisch zu seinen Klampfklängen.

„Großartig, heulende Männer!“, unterbrach mich der Affe.
„Dass du mir ja keinen von denen mit nach Hause bringst – von deiner ‚ich find den Störschub in der Matrix‘-Expedition! Die wurden alle zu oft bewertet von anderen, von sich und von dir nun auch, und wie du bereits festgestellt hast, kannst du keinen von den retten und/oder umgekehrt. Kommst du jetzt mir das Fell kraulen? Muss nachdenken!“

„Und jetzt noch mal den Phil Collins mit ‚In The Air‘ und dann den Übergang zu ‚Love Is In The Air‘, wie ich es im Gruppenchat schon beschrieben habe.“ Henning nickte mit geschlossenen Augen, während Paul die selben zwei Seiten anzupfte und dabei abwechselnd mit der anderen Hand irgendwelche Seiten runterpresste. „Vielleicht können wir auch noch mal ‚Don’t Speak‘ von No Doubt spielen?“, warf Henning mit den geschlossenen Augen ein. „Gute Idee, machen wir. Achtung – ‚You and meeeeeee….we used to beeee…“, meinte Paul, doch ich hatte da eindeutige Zweifel. Genau genommen war das mein Zeichen, da merkte ich es: der Affe war vielleicht anstrengend, aber besser als hier mit den Jungs rumzuheulen. Ich entfernte mich auf allen Vieren dem Affen folgend aus dieser Szene. Fand die Klosteroption ab dem Tag nicht mehr abwegig, oder denkt jemand ernsthaft, Unterkühlung und ein devotes Verhältnis zu einem, der höchstwahrscheinlich emotional ein Wrack ist, sich aber dennoch um den Bart rum pflegt, wäre die bessere Option? Mir wurde etwas übel. Jungs sind einfach die besseren Mädchen geworden oder schlichtweg doof, und da sie zeitlebens behaupten, Mädchen sind doof, zumindest die Jungs, die keine Mädchen sein wollen, sind sie so oder so doof. Ganz einfache Mathematik. Da ist jeder Affe beziehungsfähiger. Allerdings kann er weder Schokolade kaufen, noch ist er ein richtiger Mann.
Und so blieb es die folgenden Monate. Klar hatte ich Angebote. Ich war Meisterin darin, sie zu ignorieren. Die meisten waren betrunken oder kamen aus einem Land, bei dem ich nicht sicher war, ob sie mich anschließend dahin verschleppten. So ist das Leben in einer kleinen Garderobe, aus der man nicht weg kann. Jetzt war schon Winter, ich immer noch allein und umgeben von Beziehungsopfern. Arbeiten. Garderobenchipkosmos, hat er gesagt. Mir fehlt das Omega, hat er gesagt, oder war es das Alpha? Die abendliche Luft stank nach Kanalisation. „Scheiß is in the air… behind blue eyes…“, sang ich leicht schief, als ich an ein paar merkwürdigen Typen vorbei in den Clubeingang huschte und mir heimlich mit dem Jackenärmel die Tränen aus dem Gesicht wischte. Was wissen die schon, wie sich das Leben einer Garderobenfrau anfühlt!? Ich hatte es ja selbst schon vergessen. Zoang!
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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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