Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „05:20 Uhr – Alles aus! (up where we belong)“

Verschwörungstheorie theme
Gegen 5 Uhr 20 schickte ich eine allerletzte Nachricht an meinen taubstummen, nicht anwesenden Chef Luigi:
„20 Jacken ca 35 Gäste. Bar dicht. Umsatz okay. Künstler haben Trinkbudget überzogen / hab es mit dem Fahrtgeld verrechnet.“

Die Slammer hatten sich aus dem Staub gemacht, ohne Worte, ich glaube allerdings mit Schmetterlingsjäckchen. Natürlich erst nach der unangenehmen Diskussion, wer nun was wie bezahlt, wie die Szene sich selbst auffrisst und wer jetzt welche Kotze aufwischt. Danny hatte Jochen überredet seine Reggaemusiksammlung rauszuholen und Jochen war alles egal, er nannte sich seit einer Stunde „das Geburtstagshasi“ und ließ alle Getränke über sich laufen.

Da waren noch die zwei weiteren, verlorenen Garderobenmarkeninhaber, die ich dazu verdonnerte bis zum Ende zu warten. „Nochmal nicht, meine Freunde!“ – „Was soll’n das? Da hängt meine Jacke und ich muss früh raus!“ Ich antwortete mit einem entnervten: „Nöö!“ – „Wie, nöö?“, fing nun der andere Jackenlose an zu zetern. „Wie bist du denn drauf?“ – „Für Typen wie dich immer noch ‚Sie‘ und dann heißt es wenn schon: ‚Wie sind Sie denn drauf?’“ Ich schlug den Bügel zwischen uns auf den Tresen. Und das machte Eindruck meiner Meinung nach, schließlich handelte es sich nicht um einen brüchigen Plastebügel oder instabilen Holzhalter, meine Bügel waren aus Edelstahl! Indianerblick! „Jacke her!“, zischte er. „Nicht ohne Marke!“, zischte ich zurück!
„Orr, menno, die meint das volle Bude ernst.“, schaltete sich der andere wieder ein. Jochen spielte: „You can get it if you really want“, ich grinste.
Plötzlich, unerwartet, knallte uns eine heftige Explosion mit sich anschließender, kleiner Druckwelle um die Ohren. Ich duckte mich unter den Tresen. Putz rieselte von der Decke, gefolgt von einem üblen Geruch. Ich hörte, wie zwei Garderobenchips auf die Ablage über mir klirrten, ich fischte kopfüber die Teile, studierte kurz die Nummern, wusste, der lilane Steppmantel und die Nappalederweste. Mit einem Satz hastete ich mich durch meinen begehbaren Kleiderschrank zu den letzten Erstjacken und schmiss sie durch die staubneblige Szenerie.
Jetzt erst fiel mir das Stimmengewirr auf.
„Was war das?“ – „Terror.“
„Das kam vom Klo!“
„Nichts wie raus aus diesem Loch!“
Da fiel mir auf, dass ich heute Nacht „der Chef“ vom Loch war.

Eilig gab ich neun Jacken am Stück raus, einer der Gäste hatte eine kleine Platzwunde am Kopf, ich konnte nur spekulieren, was passiert war. Ich hatte ein dumpfes Gefühl – die Revolution des Affen hatte in meiner Wohnung begonnen und war ernstzunehmender als gedacht. Den ganzen Abend hatte ich verdrängt an ihn zu denken. Jetzt brach es über mich.
„Kannste den wieder zurücklegen, hab‘ ich wohl vergessen wieder zurückzugeben!“ Günni war zurück und stand plötzlich wieder vor mir, offiziell um ihre Freundin abzuholen. Innoffiziell hielt sie in ihrer Hand direkt unter meinem Gesicht – Ludmillas Wechselschlüppi. „Der gehört der Ludmilla, aber schnell!“, forderte sie mich auf. Mit dem Kuli balancierte ich das heiße Teil wieder unter die Ablage. Unfassbar, ich starrte Günni an und, ich schwöre, sie zwinkerte mich dabei an. „Was ist denn hier los, eigentlich?“, ihre offizielle Freundin stieß dazu. „Die Hölle, Schatz – wie immer!“ Nachdem die zwei sich knutschend in der Unterwelt begrüßt hatten, hielt mir die Betrogene ein smartes „mehr-Tablet-als-Phone“ unter die Nase: „Guck mal, sind die nicht süß?“ Ich sah ein Brautpaar, sie in einem Prinzessinnenkleid mit rosa Blütenbordüre und geflochtenem Haarkunstwerk. Er mit Zylinder im Frack auf einer Terasse, im Hintergrund Wald und See, hübsch mit Blümchen garniert. Was wollte sie mir damit jetzt sagen?
Im Hintergrund schrie jemand aus der Sanitäranlagenrichtung „Hilfe, da ist jemand durch die Decke gekommen!“, doch wir drei ignorierten die drohende Gefahr, schließlich hatten wir hier ein Hochzeitspaarbild! Jochen moderierte den nächsten Sunshinesong an. „Jule meinte, du bist manchmal zu blöd Fotonachrichten zu öffnen, ich soll dir das zeigen und sagen: Alles ist gut!“ Erst jetzt beim genaueren Ranzoomen erkannte ich Jule und neben ihr Olaf auf einem Bild. Tatsächlich geheiratet, am Gardasee, ohne mich und zum Glück! Ich strahlte, doch konnte weder weiter das Foto bestaunen, noch Günni samt Freundin erkennen. Alles versank in einem grauen Nebel.
„Irgend so ein Affe hat die Nebelmaschine überlastet, die geht nicht mehr aus!“
„Im Bad ist ein ein nackter Russe!“
„Ich sag‘ doch, wir werden alle stööööörben!“

Ich taste mich an der Wand lang, während Jochen dazu passenderweise Big Mountains „Uuuuh baby I love your way“ anspielte. Plötzlich spürte ich vor mir eine Fellwand.

„Bist du’s?“, fragte ich in den Nebel.
„Denk‘ schon“. antwortete der Affe.
„Hm.“, machte ich und hatte irgendwie keine Worte mehr.
„Tut mir leid, das mit der Zeitung, und den Blog kannste ja auch wieder runternehmen, wenn er dir nicht gefällt!“ – „Welcher Blog?“ – „Deinen! Unseren. Meinen, die Zugangsdaten liegen auf dem Rechner. Nach dem Zeitungsding haben da echt viele drauf geschaut!“, ich verstand nur irgendwas von Bahnhof. Jetzt ertönte Bob Marleys und Dannys Stimmen im Hintergrund.
„Warum?“, fragte ich den Affen ohne ihn zu sehen.
„Vermutlich weil Exodus ein genialer Song ist?“ – „Ich mein‘ uns?“ – „Auftrag, Mission, Führung, kann nicht wirklich darüber sprechen. Du solltest dich heim machen, hier geht heute kein Land mehr in Sicht. Und frag‘ dich immer, wem nützt es!“ – „Mamamacht’s gut!“, ertönte eine weitere Stimme. Der Affe antwortete: „Tschau, Martin!“ – „Stammgastmartin?“, fragte ich, doch es kam keine Antwort zurück. Ich wollte Fragen stellen ohne Ende, doch auch der Affe war genauso schnell verschwunden wie aufgetaucht. „Verschwinden denn jetzt alle einfach so? Was soll’n das für ’ne blödsinnige Geschichte werden?“

Keine Antwort. Es knirschte im Gebälk und der Putz rieselte. Ich tastete mich weiter an der maroden, schmierigen Clubwand zu Jochen und Danny. „Jungs, wir müssen raus hier!“ – „Noch zwei Songs, Baby, hab ich nach dem hier!“, er riss die Regler an seinem Mischpult umher mit der selben Hand, die das Bier hielt, im Strobolicht konnte ich erkennen, wie die Brühe in den Mixer schwappte. „Joooochen!“, schrie ich gegen Bob Marley an: „Jochen, es muss jetzt aufhören!“ – „It wasn´t miiii!“, schrie er mir zu und es ertönte plötzlich Shaggy aus den Boxen. Okay, dachte ich und kramte nach dem Schlüssel um ihn Jochen vor die Füße zu schmeißen, der würde heute eh nicht mehr weit kommen.

Ich rechnete im Kopf das Risiko durch, weder Luigi, noch sonst jemandem Bescheid zu geben. Dann fiel mir ein, nie einen Arbeitsvertrag abgeschlossen zu haben, im Grunde wusste Luige nicht, wie ich heiß‘, wo ich wohn‘, wer da noch wohnt. Summasummarum bin ich Mrs X.
Eine andere Stimme ertönte und unterbrach meinen Rechenvorgang.
„Ich mach‘ euch alle Krankenhaus, wenn ich komme hier raus!“ – „Dimitri, bist du das?“ – „Ja, Wohnungkammer über Klo eingestürzt, irgendjemand hat tragende Wand eingeschlagen!“
„So krass!“, hörte ich Danny aus der Barecke feiern. Ich trat kurzentschlossen den Rückzug an, schnappte meinen Rucksack und nahm den Fluchtweg über die Raucherterrasse, die weit geöffnet stand. Vor dem Club sammelte sich bereits eine zuschauerlustige Morgenmassive und die Polizei und Feuerwehr fuhren gerade vor… ich ließ sie hinter mir und lief so schnell ich konnte ohne aufzufallen zu dem, was der Affe „heim“ nannte, ohne zu wissen, ob es noch stehen würde. Im Hintergrund hörte ich einen Song aus dem Club dröhnen, den ich wiederum schon in meiner Kindheit liebte und so sang ich leise mit…
„WHO KNOWS WHAT TOMORROW BRINGS
IN A WORLD, FEW HEARTS SURVIVE…“

weiter zu #23 „Wo wir hingehören – finale Heimwege“
Zurück zu #21 „…in the air- Warum Jungs die besseren Mädchen sind

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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