Verschwörungstheorien. Aus dem Leben einer Garderobenfrau – „Wo wir hingehören – Finale Heimwege“

Verschwörungstheorie theme

„ALL I KNOW, IS THE WAY I FEEL
WHEN IT IS REAL, I KEEP MY PRAY ALIVE
THE ROAD IS LONG
THERE ARE MOUNTAINS IN OUR WAY
BUT WE CLIMB STEPS EVERY DAY…“

Nicht zurückschauen oder gar umdrehen. Einfach weiter geradeaus, leicht nach vorn fallend und so verließ ich die Hauptstraße. Als ich in die Seitenstraße einbog, konnte ich schon das Blaulicht in meiner Straße erkennen und verstummte. Die Sonne hing noch hinter den Dächern, so huschten die Signale rhythmisch monoton wie das DJ-Set der vergangenen Nacht über die Hauswände. Ich wette,

auf der CD, die Jochen allen, soweit dies noch möglich war, nach seiner Rede in die Hand drückte, lief das gleiche Stundenset, wie ich es nun schon fünf Mal gehört habe. Beim dritten Mal fand ich es eigentlich ganz gut.
Das Blaulicht fand ich nicht so gut, wo sollte ich denn nun hin? Steht mein Haus noch? Würde er vielleicht doch einfach da sitzen mit seiner Pfeife oder einer Banane? Ich eilte die letzten Meter, verlangsamte meinen Schritt abrupt, als ich den Krankenwagen als Verursacher ausmachte. Keine Feuerwehr. Keine Polizei. Nur ein Krankenwagen, ein paar Sanitäter und Frau R. Jetzt ging ich ganz langsam und versuchte den Schlüssel nicht mehr klappern zu lassen, schweigende Kaffeebohnen. „Hallo, junge Frau? Sie wohnen hier?“, sprach mich einer der Rettermänner an. „Manchmal.“, gab ich unsicher zurück. „Gut. Wir nehmen jetzt Frau R. mit auf die Geschlossene. Könnten sie bitte die Mutter anrufen, sie geht nicht ran und wir müssten schon längst bei einem Großflächenbrand in einem Club in der Innenstadt sein.“ – „Oh, mein Gott, gibt es Verletzte?“ – „Heinz ist tot!“ – „Oh Gott, welcher Heinz? Tot wie mausetot? Oh mein Gott, ich komm‘ in den Knast, ich muss den Wächter anrufen!“ – „Ja, genauer gesagt, rattentot. Haben sie denn die Ratte erschlagen?“, unterbrach mich der Sani. ich schwitzte aus jeder Körperpore einen Tropfen, der Wasserfilm vermischte sich mit dem Clubdunst, dem Nebel und Exotic-Brise. „Die Ratte? Erschlagen?“, jappste ich ihm entgegen. „Nun beruhigen sie sich erst mal. Nicht hyperventilieren, Madame.“, ich versuchte ihm zu gehorchen und spähte dabei in den Krankenwagen. Frau R. fuchtelte wild mit den Armen herum. „Wir bekamen einen Anruf, eine Person würde stark blutend am Boden liegen. Wir kommen hier an und stellen fest, die Verrückte hat ihre Ratte namens Heinz erschlagen.“ – „Ah ja, und deswegen nehmt ihr sie jetzt mit?“ – „Nein, wir sind nicht im Auftrag der Ratten unterwegs, sie behauptet, das Vieh hätte gesprochen. Ein anderer kam dazu mit einem blauen Sack in der Hand. „Wohin mit Heinz?“, fragte er, während er den blauen Sack vor unseren Augen schwenkte. „Pathologie, Stimmbanduntersuchung!“, antwortete ihm mein Gesprächspartner und ich merkte, wie mir die Knie langsam in die Rippen stachen und die Augen zufielen. „Nur für die Akte, das müssen wir so machen, Vorschrift.“ Ich nickte ihm in Zeitlupe. „Gut, hier ist die Nummer der Mutter, sie soll sich im Parkkrankenhaus melden. Und Vorsicht, junge Frau, angeblich springt da noch ein sprechender Affe rum.“, er zwinkerte mir zu und ich wünschte, er hätte recht und die Menschen würden aufhören mich an den unmöglichsten Stellen anzuzwinkern. Ich hielt mich an dem Papierstück mit der Nummer fest und ließ mich von ihm nach oben ziehen.
Nachdem ich mich aus den Overknees herausgequält hatte, ließ ich alles nacheinander laut im Flur fallen, das Handy, die Tasche, meinen Rock, die Strumpfhose, die Lederjacke, die Uhr, die Ohrringe, den Haarreif, die Haarnadeln, die Bluse, Olaf und Jule, den Club und die CD von Jochen. Hastig schnappte ich nach den Zettel, atmete tief ein und betrat das Wohnzimmer. Kein Affe. Im Schlafzimmer kein Affe. Die Küche dreckig wie immer, kein Affe. Im Bad kein Haar von Affe. Mir pochte das Herz. Die Stille war gespenstig, ich wollte es so lange wie möglich vermeiden, nun stand ich da vor meinem Arbeitszimmer. Ich klopfte zweimal kurz. Stille. Ich öffnete die Tür. Kein Affe, alle Haftzettel bis auf einen weg. Es war ein grüner. Er hing mittig an der Wand hinter dem Schreibtisch. Ich war wie gelähmt, als ich eine einzelne Bananenschale neben dem Stuhl entdeckte, heulte ich drauf los. Die Morgensonne glitzerte in meine Spiegelkugel und erinnerte mich an die letzten Stunden. Kein Affe. Mit vorletzter Kraft zog es mich zu dem Zettel. „Bessere dich und ruf‘ die Mutter an! Abgang nicht vergessen!“ Was meint er? Meine Mutter, seine? Frau R.’s? Apathisch ging ich zum Festnetz, wählte die Nummer. „Ach, Ingrid, gut dass du endlich anrufst, ich hab mir Sorgen gemacht, also du hast den Heinz erschlagen? Und da steht ein sprechender Affe vor der Tür?“ – „Helga?“, fragte ich erstaunt und legte gleichzeitig auf und zog den Stecker raus. War das die Helga? Ich brauche eine neue Nummer! Halb schlafend schleifte ich mich zur Couch und schaute auf den Durchbruch zur Küche, ein Kabel blitzte immer noch. Ich brauche eine neue Wohnung. Ich musste an den vermutlich ausgebrannten Club denken und Luigi. Dann musste ich seufzen, als mir das Bild von Olaf und Jule am Gardasee erneut einfiel. Schade, dass ich nicht mit dabei sein konnte. Schade, dass Giovanni nicht so schnell wieder hier sein konnte. Ich brauchte einen neuen Job. Das war das Ende vom Anfang. Meine Mutter hat mir beigebracht, wenn es hart auf hart kommt, erst einmal eine Nacht drüber zu schlafen, und wenn man was verloren hat, muss man in Gedanken noch mal zurückgehen, bis einem auffällt, wo. Ich war die Garderobenfrau und muss jetzt schlafen, wer weiß denn schon, was morgen kommt und ob da meine Knochen noch wissen, welche Muskelgruppe ihre war. Irgendwas mit einem Blog war noch.
Währenddessen, weit weg, woanders: Mit zögerlichen Schritten betrat der Affe das U-Boot.

Ende?!

 

Alles zum mitnehmen!

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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