Über das dunkelblaue Glitzern und Nachtfahrten

Über das dunkelblaue Glitzern und Nachtfahrten.
Kurzgeschichte von Manja Kendler, 2016
Früh am Morgen bin ich schlaftrunkend eingestiegen und schon fuhr der Zug mit mäßiger Geschwindigkeit raus aus dem verstaubten Bahnhof. Vorbei an den graubunten Bröckelfassaden, den Müllhalden, in deren giftgetränkter Mitte veruchte Bäume wachsen. Die Stadt lag hinter uns und zog sich an ihrer Eisenkette hinterher. Hin und wieder ließ ich meinen Kopf auf seiner Brust gelehnt meinen Blick über die vorbeihuschenden Horizonte schweifen. Felder wogten wie Meere da draußen und die Wolken warfen riesige Schatten voraus. Ich atmete ruhig, ich hörte seinem Herzschlag zu. „Wohin fahren wir?“, fragte ich ihn neugierig und ängstlich zu gleich und er antwortete mir mit: „Kein Plan!“ Dabei fuhren seine Hände über meine Locken wie große warme Glätteisen. Ich spürte, dass er es wirklich nicht wusste, ich verschaffte mir die nötige Hoffnung, dass es noch eine fünfprozentige Chance gab. Meine Theorie war romantisiert, verklärt in einen Slogan verfallen, der da lautete: ‚Er hätte doch heimlich ein Ziel und würde mich damit überraschen.‘
Hätte, hätte, Fahrradkette. Immer auf der Suche nach Sicherheiten und nie Ankommen. Nur kurz durchfuhr mich der Schauer mit der Vorahnung, es könnte ein Ziel sein ohne mich.

Ich wollte mir nicht ausrechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wäre. Mir war als hätte er erwähnt, dass es ein Ziel mit mir gäbe, jedoch überhörte ich an dieser Stelle seine Feststellung, nur ein Ticket dabei zu haben, welches man schlecht teilen kann. Selbst wenn mein Unterbewusstsein sehr wohl vernahm, glaubte ich daran, es würde ein Pärchenticket sein, nur ein Witz von ihm. Fünfprozentig. Mein Blick fiel auf ein Gewässer hinter der Scheibe, es schien tief im Mittagslicht. Statt zu ruhen funkelte es mich bedrückend schön in seinem nachtblauen Gewand mit Diamanten bestickt an. „Bin ich nicht schön ?“, fragte mich der See. Ja, bist du, unheimlich schön, ich hab dich gesehen. Ich weiß, dass du bist. Meine Antwort bewegte mich zur nächsten Frage: „Bin ich schön?“ – „Alle Frauen sind schön.“, antwortete er mir. Ich sah den See nicht mehr. Wir plauderteten über Kindererziehung, nachdem sich die Mutter mit zwei Kindern aus dem Abteil verabschiedete. Ich wartete auf die Ansage des Zugführers, wohin die Reise geht, eine alte Dame neben mir meint, das wisse man nie, manchmal stehe es auf dem Ticket mit drauf… manchmal nicht. Ich höre immer noch seinen Herzschlag.
Er spricht davon, wie sehr ihn alles belastet, nicht ich sei es, oder doch? Ich versuche ihm einen Wolkenhasen zu zeigen und kurz lässt er sich darauf ein, sieht einen Wal, ein Raumschiff und riesige Brüste. Wir lachen, ich spüre eine Schwere in mir aufsteigen und schlafe ein.

„Ich sagte, die Fahrkarte, bitte!“, unsanft weckt mich der Kontrolleur, ich richte mich auf und stelle fest, mein Nebenplatz ist leer. Ich schaue mich um und stammel‘ etwas von: „Mein Freund hat das Ticket und ist wohl kurz auf Toilette.“ Der Blick des Mannes verrät mir, dass er mir kein Wort abnimmt. Er stellt sich an meine Seite und belehrt mich: „Hören Sie, wenn Sie kein Ticket haben, müssen wir Sie hier rausschmeißen.“ und verweist mich auf ein Hinweisschild mit selbiger Erklärung. „Bei voller Fahrt!“, mögen seine Worte noch so hart gewesen sein, was mich mehr schmerzte war, was meine Augen sahen.

Er saß mir die ganze Zeit relaxed gegenüber. Verschränkte Arme und mit einem mitfühlenden Blick, aber er war weg. Er war da, aber wie er da war, sagte alles.
Es gab kein Ticket. Es hat vielleicht mal eins, fünfprozentig, gegeben, aber nicht hier, nicht jetzt. Ich spüre die kalten Hände der Sicherheitsdienste. Wehre mich, schlage um mich, flehe ihn an und alle Verbliebenen im Abteil. Sie hören mich nicht, schauen auf Smartphones oder aus dem Fenster. Er aber steht auf und streicht mir weinend über die durchgehangenen Strohlocken und zuckt mit den Schultern. „Was?“, schreie ich ihn an. „Glaubst du tatsächlich, dass alles, was du verstanden hast, auch so gemeint war?“, fragt er mich zurück, doch mir rinnt die Zeit davon, es zu überdenken, der Griff der Männer machte mich taub und ich spürte kaum mehr Boden unter meinen Füßen. Der freie Fall war eine Erleichterung, die Geräusche des Zuges übertönten meinen Aufprall. Ich merkte nicht, wie mein Bein brach und die Knochen sich durch mein Kleid bohrten. Ich spürte keinen Schmerz im Bein. Es war mein Herz, was ich spürte, welches soeben eingemauert wurde. Kelle auf Stein und Steil auf Kelle.

Der Zug würde nicht anhalten, vielleicht gab es einen fünprozentige Chance, der Zug hatte ein Ziel. Doch das Ziel war nicht mehr meine Richtung. Zurück geht wohl nicht. Ich muss runter von den Gleisen. Ich kann mich nicht bewegen. Eingemauert und gebrochen. Wenn ich gebrochene Engelsflügel hätte, könnte jeder meiner Schönheit sehen und was ich bin, auch verletzt. Ich hab‘ aber nur ein beschissenes, gebrochenes Bein. Und es sieht nicht gerade schön aus. Frag‘ nicht nach, wie das passiert ist. Ich weiß nicht, ob alles so gemeint war, wie ich es tatsächlich geglaubt habe zu verstehen. Ich weiß nur, ich muss hier runter von den Gleisen. Ich muss hier weg, bevor der nächste Zug kommt oder die Stadt mich überrollt. Ich brauche eine Schiene für mein Bein, ich wollte doch nur ein Ticket. Die Pampa um mich herum wirkt trostlos verlassen. Verlassen. Verlassen wir uns darauf, dass wir uns nicht darauf verlassen können. Es fährt ein Zug nach nirgendwo, mit dir allein als Passagier. Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach…? Schweißgebadet wache ich mit einem gellenden Schrei auf. „Beruhigen Sie sich, ich hätte gerne mal Ihre Fahrkarten gesehen!“ Mein Platz: leer. Der Blick gegenüber verrät mir, da sitzt er. Schweigend. Es ist Aufbruchszeit, gleich werden sie mich herauswerfen aus diesem rasenden Zug, ich habe nie ein Ticket besessen und langsam spür‘ ich den Schmerz. Er ist mein See, ich hätte mir gern selbst rausgesucht, wie ich darin ertrinke. Verdursten hat ich nicht mal fünf Prozent eingeräumt, eher zwang ich mich nicht ans Trinken zu denken. „Ich weiß, dass du bist.“, sagte ich ihm und der Tag wurde zum See, dunkelblau mit Diamanten besetzt, doch es war egal, ich lieg‘ hier und kann den Zug nur noch unscharf erkennen. Ohne Ticket… 100 % keine Fahrt.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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