In meinem Garten. Was die Eiche verschwieg und wie der Bambus lachte.

Diese Nacht brach über mich ein. Den ganzen Tag über schuftete ich an den Rosenbüschen. Nun waren sie gestutzt und schön, ich jedoch zerstochen und erschöpft. Ich suchte einen Platz zum Schlafen und so legte ich mich unter die große Eiche. Fast wäre ich eingeschlafen ohne weiteren Kummer an Morgen zu schöpfen, doch wie trügerisch sah ich die Situation. Die Eiche starrte mich an. Sie rauschte bedrohlich mit all ihren Blättern. Ihre Baumkronen waren so beeindruckend, dass ich nicht wegsehen konnte und hypnotisiert, betrachtete ich die Aufführung. Im Mondlicht schimmerten tausende von Blättern, wie ein Meeresspiegel und immer wieder bildeten sie neue Formationen. Über ihnen, gebar das Universum im Chaos Serne. Transformationen.

Fühlst Du es? Fragte ich mich und der Schmerz zog sich durch jede Hautpore bis zu den Haarspitzen. Die Eiche raschelte, ich setzte mich auf, hellwach von der Erfahrung. In meinem Kopf rasten die Fragen um die Wette, ich war zu schwach mich zu bewegen, zu sprechen. Blitze zuckten über den Nachthimmel und ich fühlte, wie es meine Gedanken gleichtaten. Ich fühlte einfach mein Herz nicht mehr. Es hatte aufgehört zu schlagen. Ich erschrak mich sehr darüber, doch ich konnte nicht fühlen wie es sich anfühlt. Entsetzt versuchte ich mich auf die Eiche zu konzentrieren, das Rauschen wurde laut und leise und ich bildete mir ein es könnte das neue Geräusch meines Herzens sein.

Ein weiterer Blitz erhellte die Nacht, ohne Donner ließ er den riesigen Baum mächtiger erscheinen als zuvor. Das Gute war: in dem Moment, wo ich mein Herz nicht mehr vernahm, ging auch die Angst.
Ich sah den Mars vor mir schweben…und verflüssigte mich. Alles wurde transparent, einzig die Eiche stand und rauschte beteiligt. Ich vernahm Hektik, es klang wie ein probendes Orchester bevor es dunkel wird im Opernsaal. Es wurde dunkel, ich rief um Hilfe niemand antwortete. Ich beschloss durchzudrehen, doch ich konnte nicht, ich war flüssig wie Sirup. Lediglich meine äußere Hülle saß auf dem Wurzelbett der Eiche, die Bühnenbild gleich, verstummte. Dann, wurde es richtig finstere Nacht. Um mich, in mir. Da war nur noch: das Nichts.

Es vergingen die Minuten in die Leere. Irgendwann, sang in dieses Nichts aus voller Inbrunst eine Lerche, dazu stimmte sich ein rhythmisches Zirpen, der Mars war hinter eine Wolke geflüchtet. Die Eiche hielt weiter inne. Wir beobachteten wie sich der Tag die Erde zurückeroberte, die alten Zöpfe abschnitt und die Wunden begannen zu heilen. Ich sah die verlorenen Äste aber auch die Triebe und den breiten Stamm. Ich sah die Zerklüftungen. Die Untiefen und Narben. Ich sah mich. Ich sah den Sonnenaufgang und trat unter dem Schatten der Blätterdachnacht hervor. Der Garten lag in seinen freundlichsten Farben vor mir und ich sog alles auf, wie ein durstiger Schwamm. Der Bambus der mir Sorgen machte in seinem Wildwuchs und dem starren Blick bog sich vor mir, tiefer als der Boden und zurück. Ich hörte sein Lachen und schmolz dahin. Herzschlag.

Ich holte tief Luft, da war es wieder. Wir lachten gemeinsam, irgendwann lachten alle, selbst die frisch gestutzten Rosen. Ich tanzte zur Eiche lehnte mich gegen ihren Stamm und hatte tiefstes Vertrauen, sie würde mich halten ohne zu wissen woher, ich war so viel mehr. Herzschlag.

Der Bambus rief mir zu: „Am Ende hat man immer die Wahl.“ Das ist unheimlich tiefen-flach, dachte ich, tief wie eine Nacht und flach wie der Stand der Sonne. Können wir das ausdehnen? Loslassen? Können wir jede Nacht sterben und neu auferstehen? Was ich auch wähle, ich bin alles… Bin das Nichts und beschloss ein Betrachter zu werden. Mein Lächeln ging tiefer als alle Narben. Zwischen Eiche und Bambus saß ein Grünspecht. Nachdem er uns eine Weile beobachtet hatte, lachte er laut auf und flog davon. Am Ende zeigte ich dem Bambus ein riesiges freies Feld, hinter den Rosen. Die Wahl lag bei ihm.

Advertisements

Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

Ein Gedanke zu “In meinem Garten. Was die Eiche verschwieg und wie der Bambus lachte.”

  1. Der Wahnsinn, der Text hat mich fast zum Weinen gebracht. Zugleich wunderschön und tieftraurig, ich hoffe dass sie allerdings eines Tages in der Gegenwart von Menschen so fühlen kann und deshalb nicht einsam im Garten sitzt…. und ich wusste nucht das Bambus ein solcher Erkentnissgeber ist. Vielleicht sollte ich mich öfters unter unseren Bambus legen?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s