In meinem Garten – Was der Mauerspecht beobachtete und wie er die Zeit anhielt

In meinem Garten – Was der Mauerspecht beobachtete und wie er die Zeit anhielt
Kurzgeschichte von Manja Kendler, 2016

Einer dieser Tage glitt nun schweigsam dahin und musterte sie von oben bis unten, von außen nach innen. Es muss Tage her sein, als der Bambus lachte. Von weitem starrte sie auf die zerklüftete Felswand vor sich. Verdammt, sollte die Krähe doch ihr Recht behalten, sie konnte es nicht mehr ertragen und grub ihre Finger in den kalten grauen Putz. Fingernägel splitterten. Porös vom Mangel, vielleicht auch zu schwach. Das Lachen war gestern, wird heute sein, aber innerlich war da die hämische Stille, keine ihrer liebevollen Worte klang durch die schneidende Luft. Tage um Nächte war sie um die Festung gelaufen und dann weit entfernt. Doch jedes Mal, blickte sie zurück, stieg die Mauerwand direkt vor ihr erneut empor. Die Mauer griff ihr förmlich um Schultern und Bein, zwang sie in die Knie. Als würde sich das Gesteinsgemisch verflüssigen und sie umspülen.

Beschloss sie sich all dem hinzugeben, zu Stein zu werden, selbst Mauer zu sein, stoppte augenblicklich der Fluss. Um ihre Füße bildeten sich feine Risse und die kleinste Bewegung sprengte sie frei. Doch alsbald begann das Spiel von vorn. Ihr Mantel der sie vor den Steinbrocken und eisigen Winden schütze war längst hinfort geflogen. Er würde nichts mehr nützen ihre Wunden waren zu tief um sie mit einem Mantel zu schützen, nur damit sie nicht sichtbar waren. Sie wollte die Mauer unbedingt durchbrechen, dahinter schauen. Stellte sich immer zu vor, irgendetwas zu finden was ihr halt gab. Was gar ihre Wunden heilen konnte, was sie motivierte, die Rosen zu gießen. Nächte um Tage stand sie vor der Mauer, die Krähe fluchte von Weitem, die Palmen ließen durstig die Blätter hängen der Nebel wurde rauer Stunde um Minute. Die Fingerspitzen zerschunden, der Magen leer. Die Schultern hingen nach vorn die Stirn in Falten. Gealtert und kaputt dachte sie. Der Mauerspecht flog dicht an ihr vorbei, setzte sich auf einen Bruch der Mauer und legte seinen Kopf schief. Sie ignorierte den Besucher und begann erneut gegen den Stein anzukämpfen. Eine Weile lief es so zwischen den beiden, stillschweigend. Wie sich die Nacht ankündigen wollte, hielt der Mauerspecht die Zeit an.

Sie grub weiter ihre Finger in die Steinwände, wurde von Fels umhüllt, sprengte sich frei.
„Erbärmlich“, piepste der Specht. „Erbärmlich wer solche Mauern baut, mitten in der schönsten Natur. Erbärmlich wie Du versuchst gegen derartige Trümmer anzukommen.“
Sie hielt inne und begann ihre Geschichte um diese Festung zu erzählen, sie weinte bitterlich mit jedem Wort.
Der Specht jedoch, verstand keines von diesen und wiederholte sein: „Erbärmlich“ immer zu.

„Ich kann nicht mehr…“ flüsterte sie. „Hör auf!“ piepste der Gefiederte. Sie hielt inne, doch auch diesmal verflüssigte sich der Stein und umspülte ihr Herz, ihre Seele, ihre Kraft. Das Nichts nahm sie völlig ein. Ihre Zeit lief weiter, ohne zurück zuschauen, ohne Antworten und es folgte die Nacht. Dunkel ohne Sterne. Gleichsam lag sie geschützt im Sarkophag ihrer Liebe. Sie hatte keine Kraft mehr sich frei zu sprengen. Die Dunkelheit blieb. Sie wusste, so lang würde sie hier liegen, wie es dauert Tag für Tag die Steine abzutragen, fortzutragen. Doch wenn sie es nicht schafft, wer dann? Wie lang dauert eine derartige Nacht?

„Bis zum Morgen!“ antworte der Mauerspecht von außen und schlug sein Schnabel in den Stein und flog mit dem ersten Krumen davon.

Umgeben von der Festung tief vergraben in der Dunkelheit lag sie nun scheinbar einsam und verloren, doch hier unten war es kühl und windstill. Sie spürte das niemand sie trieb, die Zeit außerhalb ihrer Mauern hielt für sie an. Hier im Boden ihres Gartens konnte sie niemand verletzen und kurz vor ihrem Herz, ihrer tiefgründigen Seele, stoppte der Steinfluss, verhärtete. Schreie nutzen nichts, konnten dem Gemisch nichts antun ihr Herzschlag pulsierte durch die Kammer. Wie merkwürdig es klang, vernahm nur die Schlange, die unsichtbar zu ihren Füßen lag.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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