In meinem Garten – Die Schlange im Schatten

In meinem Garten – Die Schlange im Schatten
Kurzgeschichte von Manja Kendler, 2016

Es kamen Stunden voller Furcht, Angst und Verzweiflung. Der Hades lag weit entfernt, doch noch immer spürte sie das Brennen in ihrer Haut. Sie fürchtete sich, von der Finsternis für immer verschluckt, in der Steinkammer zu verenden. Wer würde sie, da suchen? Wer würde sie, da vermuten? Sie spürte ihren Körper seit geraumer Zeit nicht mehr, einzig ihr Herzschlag erinnerte sie an vergangene Tage und die wage Hoffnung, es könnte, irgendwo da draußen, Zukunft geben. Sie spürte kaum, wie die Schlange sich langsam begann, ihr zu nähern, beobachtend, lauernd. Doch auch die Zeit verging und bald vernahm sie zwischen den eigenen lahmenden Herzschlägen ein beständiges Zischeln und bekam es schlagartig, erneut mit der Angst zu tun.

Sie wusste nicht, ob sie sich ein Licht wünschen sollte, mitten in der Dunkelheit, aus Furcht vor dem, was sie erblicken würde. Dann wünschte sie, die Schlange würde einfach zubeißen und ihr ein Ende bereiten, ihr Grab war gegossen – es fehlte der Tod. Lang, lang lebe der Tod.

„Vor was hat sie Angst?“, fragte sie die Dunkelheit und riss sie damit aus der Todessehnsucht.

„Vor Dir!“, … antwortete sie der Stimme.

„Das tut mir leid für Sie, das muss sehr traurig sein, doch ich kontrolliere nicht, ich töte nicht, ich blende nicht und ich werde keine verbrannte Erde hinterlassen.“

„Sagst Du etwa, Du wärst gut? ‚Vertrau mir?‘ mit Engelszungen, dass genau wäre sehr beunruhigend.“

„Ja sehr, möchten Sie dies?“

„Warum duzen wir uns nicht, so kurz vor dem Ende?“

„Das haben wir bereits Sie schienen kurzzeitig erleichtert, doch dann verschwanden Sie und erst hier FAND ICH DICH! Die Zeit hat Raum doch umgekehrt, faltet es sich.“

Die Stimme traf mich tief und ich spürte eine lodernde Wärme durch meine Füße aufsteigen und lebendige Angst. Wurde ich gebissen und das Gift gibt mir gerade letzte Minuten zu realisieren und Wärme zu spüren, mich selbst, ein letztes Mal zu spüren? Ich schrie auf. Laut, gequält voller Schmerz und so lebendig, dass ich es kaum ertrug, doch nun würde ich hier sterben am süßen Schlangengift, soll es die Welt und deren Gärten hören und verstehen. Immerhin duzen wir uns. Das Ende und ich.

„Erinnerst Du Dich nun?“, fragte die Schlange ungeduldig, als wüsste sie, dass meine Sanduhr nur noch wenig Körner übrig hatte.
„Wenn Du auf die Schlange triffst, soll es, der erste Biss entscheiden … „,
versuchte ich mich zu erinnern.
„Nein, es sind nicht die Lieder, an die Du Dich erinnern musst. Wer sie singt … ist die entscheidende Frage. Spürst Du die Wärme?“
Es schauderte mich, wie berechnend die Schlange klang und ich fragte mich erneut, wie lange ich ihr noch lauschen musste, konnte, durfte.

„Das Licht im Schatten … kannst Du es fühlen?“

Ich wollte es nicht, ich wollte es sehen. Fühlen war zu viel. Ein Meer aus Feuerquallen und kleinen Vulkanen, wie Stürme in Wassergläsern verschlossen, tief im Boden meines Gartens.Vorsichtig entfernte ich den ersten Schraubverschluss. Da lag mein Fehler, der sich augenblicklich vor mir ausbreitete, wie eine Theaterbühne kurz, nachdem der Vorhang sich hebt. In grellbunter Kulisse aus Presspappe schwappte ein Drache hervor, der kein Feuer spuckte und gefangen war, von gesichtslosen Wesen, die ihm einredeten, ein Drache zu sein und deshalb zu gefährlich, um frei zu laufen. Der Drache rannte wie ein Raubtier von Bühnengasse zu Bühnengasse und blieb, irgendwann, schnaufend, vorn am Bühnenrand stehen. Seine Kulisse brauchte Wärme und Licht doch Feuer spucken? Er wollte und konnte nicht. Er schaute mir tief in die Augen. Ich konnte die Verzweiflung sehen. Würde er es tun? Würden wir beide heute hier drauf gehen?

Ich riss meinen Mund weit auf und heraus strömte ein pastellfarbenes Licht, welches dem Drachen samt Kulisse in Staub verwandelte und die Wände des Sarkophags erhellte, bis zu meinen Füßen.
Entsetzt über meinen sinnlosen Triumph über das seltene Tier fühlte ich mich bereit, den Schlangenaugen nicht länger zu trotzen. Direkt ins Angesicht wollte ich ihr blicken. Doch da, wo ich eben noch die Gefahr verspürte, rankten sich ein heller Wurzelstrang um meine Füße.
Statt Schlangengift vernahm ich, dieses vertraute, reine Lachen, voller Leben.

Der Bambus hatte also, seinen Weg gefunden, tief verwurzelt und verbunden, schlängelte er sich in meinem Bodenmeer.
„Du bist wunderschön!“, flüsterte er mir zu.
Noch intensiver fühlte sich, neben der Trauer, den Narben und Erfahrungen, die Erkenntnis an, frei zu sein. Zumindest frei genug, mich zu entscheiden. Für das Licht in der Dunkelheit. Für mich. Für den Drachen. Für den Garten und auch irgendwie für diesen Bambus, der seinen Epilog begann.

„Ich werde, genau das sein, was ich bin.
Du kannst mich verkennen, doch ich bin hier, um Dich zu erinnern.
An Dich und das, was Du bist, gerade hier in der Dunkelheit.
Wenn Du Dich frei sein lässt, gern auch im Licht.
Siehst Du? Du darfst nun aufhören, so zu tun, als kennst Du Dich nicht.
Da draußen wartet ein riesiger Garten, aber er wartet.“
Dann fiel der Vorhang und die Zeit hielt erneut an, diesmal wusste sie, es ist okay, sie war hier nicht allein und schon gar nicht ohne Licht! Ein Mauerspecht flog vorbei und nahm einen weiteren Krummen mit sich, ungeachtet der weißen Eule, die sich auf einer Tanne neben dem Steinfeld nieder lies.

Nur sie, die Eule war es, die sah, wie der Herbst einzelne Blätter über die Steine fegte und wie dieses pastellfarbene Licht zwischen ihnen geschützt, in der Dunkelheit verschwand.

Ich aber lag da und konzentrierte mich auf meinen Atemfluss.
Dunkelheit ein, Licht aus.
Ich öffnete ein weiteres Glas, welches mir der Bambus zu schob.
Dunkelheit ein, Licht ausatmen.

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Veröffentlicht von

520universum

Hier schreibt, fotografiert und singt das 520 Universum über das Leben, dich und sich selbst. Für die Menschen, die gern zwischen den Zeilen lesen.

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